Montag, 27. Januar 2014

New Banking: Alles nur eine Frage der Enterprise Architecture?

Von Ralf Keuper

Um bei der nicht nachlassenden Veränderungsgeschwindigkeit im Banking nicht die Übersicht zu verlieren, heben viele Kommentatoren und Berater den Nutzen der Enterprise Architecture hervor. Mittlerweile hat sich die "Disziplin" des Enterprise Architecture Management (EAM) etabliert, die eine gezielte Bewirtschaftung (nicht nur) der Systemlandschaften verspricht. 

Bei der Frage, was jetzt genau unter einer Enterprise Architecture zu verstehen ist, weichen die Vorstellungen mitunter ab. Bestandteile sind für gewöhnlich die Geschäftsarchitektur, die Prozessarchitektur, die Informationsarchitektur bis hin zur IT-Architektur. 
Eigentlicher "Vater" des Gedankens bzw. der Idee ist John A. Zachman, auf den das gleichnamige Framework zurückgeht. 

Inzwischen, so mein Eindruck, ist es um das Thema ruhiger geworden. Den Anspruch, die Enterprise Architecture in den Rang einer Strategie zu erheben, haben nur noch wenige. Dazu beigetragen hat auch die Kritik, die in den vergangenen Jahre immer stärker wurde, wie z.B. Why Enterprise Architeture is an Oxymoron von Dan Appleton. Appleton moniert darin u.a., dass ein Unternehmen von vielen Faktoren beeinflusst wird, wovon die Enterprise Architecture nur einer ist. Entscheidender sind häufig die informellen Regeln und Verfahren, die heimlichen Spielregeln. 
Die Fixierung auf die Enterprise Architecture kann daher leicht zu einer Blickverengung führen und Fehlentscheidungen Vorschub leisten. Bebauungspläne verstärken die Defizite, indem sie, zumindest implizit, eine Richtung festschreiben, die sich schon unmittelbar danach als korrekturbedürftig erweisen kann. Kurzum: Die Flexibilität geht verloren, es droht das, was Henry Mintzberg als Glanz und Elend der Strategischen Planung bezeichnet hat. 

Daher sollte man m.E. bei der Anwendung zwischen der diagnostischen und der strategischen Ebene unterscheiden.

Als Diagnose-Instrument hat die Enterprise Architecture große Vorzüge, gerade für Banken, in denen die IT-und die Organisationsstruktur deutlich enger miteinander verzahnt sind als in anderen Branchen. Die IT-Architektur gibt häufig einen besseren und schnelleren Überblick über das Geschäftsmodell und seine Entwicklung im Laufe der Jahre, als das die meisten Dokumentationen in dieser Form leisten können. In gewisser Weise erfüllen Architektur-Übersichten die Funktion, die im Mittalter die Karten für die Navigation wie überhaupt für das Weltverständnis der damaligen Zeit hatten. 
Auch die Enterprise Architecture zählt zu den typischen Repräsentationstechniken und unterliegt deren Grenzen. Der Historiker Karl Schlögel schreibt dazu:
Nicht alle kartografischen Darstellungen sind wahr, und schon gar nicht alle sind gleich geeignet, jenes zur Anschauung zu bringen, worauf es im eigentlichen Sinne ankommt. .. Karten sind nicht neutral, sondern in einem fundamentalen Sinne >parteilich<, selektiv. Und es kann auch hier nur darauf ankommen, die Bedingungen explizit zu machen. .. Solange dies so ist, müssen wir mit vielen Karten von ein und derselben Sache und ein und derselben Welt leben, und es wird dann sowohl eine Frage des Standpunktes, des jeweiligen Interesses, vielleicht auch des individuellen Temperaments oder Geschmacks sein, wie man sich am Ende entscheidet. (in: Im Raume lesen wir die Zeit)
So gesehen liegt die eigentliche Stärke der Enterprise Architecture darin, eine Grundlage für Diskussionen und Entscheidungen zu liefern, die weit über Fragen der IT- oder Geschäftsarchitektur hinausgehen. Künftig wird es noch mehr als jetzt darauf ankommen, den Blick nicht nur auf die eigene Enterprise Architecture zu heften, sondern (neben Cloud Computing) das Umfeld, das Ökosystem, in die Betrachtung mit einzubeziehen, wie es Mark Sniuka es für die Geschäfsmodellinnovation bereits beschrieben hat. Hier brauchen wir neue Ansätze. 

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