Mittwoch, 26. März 2014

Die magischen Kanäle im Banking - McLuhan Reloaded

Von Ralf Keuper

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan unterschied in seinem Buch Die Magischen Kanäle zwischen "heißen" und "kalten" Medien. Heiße Medien sind nach McLuhan dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Rezipienten kaum eigenes Engagement erfordern; er lässt sich sozusagen berieseln. Heiße Medien waren für McLuhan der Kinofilm, die Fotografie und der Hörfunk. 
Kalte Medien hingegen, zwingen den Rezipienten geradezu zur Mitwirkung, wie das Telefon. 
Heute müsste man auch E-Mails und Blogs wie überhaupt alle Seiten und Plattformen im Internet hinzuzählen, die den User dazu anregen, sich zu engagieren. Letzteres trifft u.a. auf das Crowdsourcing und die Gamification zu. 

Im Banking verlieren die heißen Medien seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Kunden. Statische Webseiten, aber auch die klassischen Filialen sind nicht dazu angetan, das Engagement der Kunden in irgendeiner Form anzuregen. Sie dienen bestenfalls noch der Information. 
Im Gegensatz dazu wächst die Nachfrage nach Applikationen, die den Kunden zur Mitwirkung bzw. zum Mitdenken anregen, wie das auf Siri basierende Assistenzsystem Tina der USAA Bank - eher ein kaltes Medium. 

Haupttreiber für den Bedeutungszuwachs der Medien in den modernen Gesellschaften war für McLuhan die Elektrizität. Sie erst hat es ermöglicht, zentrale Strukturen durch dezentrale zu ersetzen. Er schreibt:
Die Elektrizität zentralisiert nicht, sie dezentralisiert. Es ist das wie der Unterschied zwischen einem Eisenbahnnetz und einem elektrischen Gitternetz: Das eine macht Kopfbahnhöfe und große Städtezentren erforderlich. Die elektrische Energie, die dem Bauernhof wie dem Verwaltungsbüros in gleicher Weise zur Verfügung gestellt wird, macht es möglich, dass jeder Ort zum Zentrum wird, und verlangt keine massiven Anhäufungen.
Derzeit richten sich große Erwartungen an die digitalen Währungen, die u.a. mit ihrer Dezentralität werben. 

Weiterhin schreibt McLuhan, dass die durch die Elektrizität hervorgebrachten Medien die Aufgabe übernommen haben, das Zentralnervensystem des Menschen nachzubilden. McLuhan sprach in dem Zusammenhang auch von Selbstamputation bzw. Betäubung:
Wir müssen unser Zentralnervensystem betäuben, wenn es erweitert oder exponiert wird, oder wir gehen zugrunde.  .. Mit unserem systematisch betäubten Zentralnervensystem wird die Aufgabe des bewussten Erfassens und Ordnens auf das physische Leben des Menschen übertragen, so dass er zum erstenmal die Technik als Ausweitung seines natürlichen Körpers erlebt. .. Im Zeitalter der Elekrizität wird die ganze Menschheit zu unserer Haut. 
Die Bestrebungen, Google Glass oder Smart Watches (Wearables) für das Banking fruchtbar zu machen, lassen sich hierunter einordnen. 

McLuhan`s revolutionäre und in weiten Teile auch prophetische Aussagen, waren und sind nicht unumstritten. Der von ihm vorhergesagte Niedergang des Buches ist (noch) nicht eingetreten; auch wenn das E-Book großen Zuspruch hat. Insofern hat sich - bisher jedenfalls - das Rieplsche Gesetz als zutreffend erwiesen, wonach ein neues Medium ein altes nie vollständig ersetzen, sondern "nur" ergänzen könne. 

Übertragen auf das Banking würde das u.a. bedeuten, dass die Filialen nicht vollständig verschwinden werden und auch das Bargeld nicht völlig vom elektronischen Geld abgelöst wird. 


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