Dienstag, 13. Mai 2014

"Metropolen des Kapitals. Die Geschichte der internationalen Finanzzentren" von Youssef Cassis

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Metropolen des Kapitals schildert der Wirtschaftshistoriker Yossef Casiss  die wechselvolle Geschichte der internationalen Finanzzentren. 
Der Auf- und Abstieg der Finanzmetropolen ist das Ergebnis endogener wie auch exogener Faktoren. Bis zu einem bestimmten Grad kann ein Finanzplatz seine Geschicke aus eigener Kraft gestalten, z.B. über die Wirtschafts- und Steuerpolitik. Weitgehend machtlos ist ein Finanzplatz jedoch gegenüber nationalen und internationalen Krisen, z.B. als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen. Der Aufstieg Englands zur führenden See- und Handelsmacht der Welt sorgte dafür, dass London die niederländischen Finanzmetropolen Antwerpen und Amsterdam überholte und zum wichtigsten Finanzzentrum der Welt aufstieg.
Gemeinsam ist allen Finanzmetropolen, dass sie sich als Knotenpunkt für die Finanz- und Informationsströme etablieren konnten. Das erklärt, weshalb Finanzzentren gleichzeitig auch wichtige Standorte für Medienunternehmen, Handelskonzerne, Versicherungen und internationale Messen waren bzw. sind. 

Obgleich Cassis den allgemeinen Tenor unter den Wirtschaftshistorikern teilt, wonach die Stabilität der politischen Institutionen, die Stärke der Landeswährung, Sparvermögen, mächtige Finanzinstitutionen, geringe steuerliche Belastung und leistungsfähige Kommunikationsmittel wichtige Bedingungen für die Stellung eines internationalen Finanzzentrums sind, hält er andere, makroökonomische Faktoren für die letztlich entscheidenden:
Ein erster Schluss, den die langfristige historische Analyse nahelegt, besteht darin, den Aufstieg eines Hauptfinanzplatzes in engem Zusammenhang mit der Wirtschaftskraft seines Heimatlandes zu sehen. Das mag selbstverständlich erscheinen, wird aber dennoch häufig übersehen.  ... (ebd.)
Mehr denn je ist ein Finanzzentrum, das auf internationaler Ebene eine herausragende Rolle spielen will, auf den stetigen Zufluss an Ideen und Talenten angewiesen: 
Ein Faktor, der zur Entwicklung der Finanzplätze in den letzten zweihundert Jahren einen entscheidenden Beitrag leistete, war der Zustrom neuer Talente, um Kraft und Innovationsfähigkeit zu erlangen. Das ist keine einseitige Beziehung. Ein Finanzplatz muss lebendig genug sein, um Bankiers und Finanziers aus dem Ausland anzuziehen, profitiert aber umgekehrt auch enorm von solchen Zugängen. (ebd.)
Angesichts dessen klingt die These bzw. Behauptung nicht allzu verwegen, dass ein internationales Finanzzentrum, eine führende Wirtschaftsnation ohne ein leistungsfähiges FinTech-Startup-Ökosystem seine bzw. ihre Stellung langfristig nicht behaupten kann. 

Mehr dazu in der Studie Die FinTech-Startup-Ökosysteme in Deutschland

Seit mehr 200 Jahren ist London die führende Finanzmetropole Europas, wenn nicht der Welt. In Deutschland ist Frankfurt der einzige Finanzplatz von internationaler Bedeutung. Häufig residiert in den Finanzzentren auch die Regierung, wie in Großbritannien. In Deutschland ist das, historisch bedingt, anders. Berlin ist als Finanzplatz nur von regionaler Bedeutung. Trotzdem ist Berlin nach London der führende Standort für FinTech-Startups in Europa. Auffallend ist, dass Paris bisher als Standort für FinTech-Startups eine eher untergeordnete Rolle spielt, was bei der Größe und Bedeutung der Stadt wie auch des Landes überrascht. 

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