Freitag, 27. Juni 2014

Banken als gesellschafliche Konstruktion der Wirklichkeit - Berger und Luckmann reloaded


Von Ralf Keuper

Wer in einer bestimmten Epoche aufwächst, übernimmt dabei zwangsläufig viele tradierte Sicht- und Verhaltensweisen. Zu dem überlieferten Bestand an Regeln, Konventionen und Traditionen, ohne die eine (moderne) Gesellschaft nicht funktionieren würde, gehören auch die Institutionen. Zu den langlebigsten Institutionen zählen in unserem Kulturkreis  inzwischen die Banken. Das verstärkt den Eindruck, dass es sich hierbei um besondere Gebilde handelt, die nicht denselben Bedingungen zu unterliegen scheinen wie "gewöhnliche" Wirtschaftsunternehmen oder Branchen. Die Zeit scheint ihnen nichts anhaben zu können. Ein Trugschluss, wie Peter L. Berger und Thomas Luckmann in ihren Klassiker Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit feststellten. (Hinweis: Berger und Luckmann beziehen sich an keiner Stelle auf Banken, sondern betrachten Institutionen als solche)
Institutionalisierung ist jedoch kein unwiderruflicher Prozess, obwohl Institutionen, sind sie erst einmal entstanden, eine Neigung zur Dauerhaftigkeit zeigen. Aus einer Vielzahl historischer Gründe kann der Spielraum für institutionalisierte Tätigkeiten auch kleiner werden. Entinstitutionalisierung gewisser Bereiche des gesellschaftlichen Lebens kann um sich greifen. (ebd.)
Um in der öffentlichen Wahrnehmung erst gar keine Brüche entstehen zu lassen, die dazu führen könnten, dass die Gesellschaft den Sinn und Zweck der Institution infrage stellt , muss die Legitimation regelmäßig, ja ständig erneuert werden, da anderenfalls die heranwachsende Generation abfallen würde:
Das Problem der Legitimation entsteht unweigerlich erst dann, wenn die Vergegenständlichung einer institutionalen Ordnung einer neuen Generation vermittelt werden muss. Zu diesem Zeitpunkt kann .. der Gewissheitscharakter der Institutionen nicht länger mehr mittels Erinnerung und Habitualisierung aufrechterhalten werden. .. Um sie wiederherzustellen .. muss man zu Erklärungen und Rechtfertigungen in den Augen springender Elemente der institutionellen Überlieferung übergehen. Legitimierung ist der Prozess dieses Erklärens und Rechtfertigens. (ebd.)
Seit Ausbruch der Finanzkrise sind die Banken eifrig bemüht, ihre Funktion als Finanzintermediäre in der Wirtschaft im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Neu hinzugekommen in die Diskussion, in den Prozess der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit, ist der Begriff der Systemrelevanz.

Das alles kann jedoch nicht verdecken, dass die alte gesellschaftliche Konstruktion dessen, was als Bank gilt, an Bindekraft verliert. Die symbolische Sinnwelt, für die die Banken stehen, ist problematisch geworden:
Jede symbolische Sinnwelt ist potentiell problematisch. Die Frage ist also, bis zu welchem Grade sie problematisch geworden ist.
Mittlerweile haben wir hier einen hohen Grad erreicht.
   
Das alles stellt aber an sich noch keine ernsthafte Bedrohung einer fest etablierten Institution, wie einer Bank dar. Finanzkrisen, selbst Kriege haben den Banken bis heute nicht viel anhaben können. Auch eine Vertrauenskrise, und sei sie noch so schwerwiegend, ist noch keine existenzbedrohende Gefahr. 

Brisant wird es erst dann, wenn Alternativen zur Verfügung stehen, deren symbolische Sinnwelt, deren Funktion besser zur Gesellschaft passen: 
Das Auftauchen einer alternativen symbolischen Sinnwelt ist eine Gefahr, weil ihr bloßes Vorhandensein empirisch demonstriert, dass die eigene Sinnwelt nicht wirklich zwingend ist.
Denn:
Weil Sinnwelten historische Produkte der Aktivität von Menschen sind, verändern sie sich.
Die Zahl der Alternativen ist durch die vielen FinTech-Startups und die neuen Herausforderer, wie die großen Internetkonzerne, in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Die neue Generation wächst in einer Welt von alternativen Angeboten und symbolischen Sinnwelten auf. Die Tradition wird brüchig, das Monopol der Banken auf nahezu alle Geschäfte die mit der Transaktion von Geld zu tun haben, ist in Auflösung begriffen. Der soziale Wandel wirkt destabilisierend:
Monopolsituationen .. setzen einen hohen Grad von Stabilität der Gesellschaftsstruktur voraus und wirken selbst strukturstabilisierend. Traditionelle Wirklichkeitsbestimmungen behindern sozialen Wandel. Umgekehrt beschleunigt der Zusammenbruch des Gewissheitscharakters eines Monopols sozialen Wandel.
Kein Monopol, keine Institution kann ihre Rolle behaupten, wenn sich in der Gesellschaft der Eindruck verfestigt, dass sie dem sozialen Wandel, dem Stilwandel im Weg steht. Das gilt natürlich auch für Banken. 

Eine "Digitale Transformation", so wichtig und richtig sie ist, reicht hier keineswegs.

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