Montag, 20. Oktober 2014

Banking als Teil des Medienwandels #2

Von Ralf Keuper

Das Geschäft der Banken ist in den letzten Jahren, bedingt vor allem durch die Verbreitung des Internet, medialer geworden. Oder anders: Das Internet hat den medialen Charakter des Bankgeschäfts erst richtig zum Vorschein gebracht. 

Wie eng das Nachrichtenwesen mit dem Bankgeschäft verbunden ist, zeigt ein Blick auf die Entstehungsgeschichte von Lloyds London, wenngleich es sich hier um eine Versicherung handelt. Lloyds ist aus einem Kaffeehaus hervorgegangen, das von Geschäftsleuten, insbesondere aus dem Schifffahrtswesen, frequentiert wurde. Bei der Gelegenheit zirkulierten naturgemäß Informationen über Frachten, Schiffe und die damit verbundenen Risiken. Für Jürgen Habermas markierten die Kaffeehäuser den Beginn dessen, was wir heute unter "Öffentlichkeit" verstehen. In etwa zur selben Zeit schlug die Geburtsstunde der Massenmedien. Die derzeit an der Börse am höchsten bewertete Bank, Wells Fargo, startete im Postwesen. Wie Alfred Chandler hervorhob, diente die Post im ausgehenden 18. Jahrhundert in den USA jedoch nicht nur dem Transport von Briefen, sondern auch von Zeitungen. 

Wer über die richtigen Informationen verfügt, kann an der Börse hohe Gewinne erzielen - auch im Zeitalter von Hochleistungsrechnern und Breitband, wie der Hochfrequenzhandel zeigt. Unternehmen wie Bloomberg und Thomson Reuters erwirtschaften mit der Lieferung von Finanzinformationen Milliardenumsätze. Nicht von ungefähr sind internationale Finanzzentren durch eine ungewöhnliche Konzentration der sog. Information Centric Industries, wozu neben den Banken Medienkonzerne, Werbeagenturen, IT-Unternehmen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwaltskanzleien und Unternehmensberater gehören, gekennzeichnet. 

Inzwischen wird auch das Banking voll vom Medienwandel erfasst. Kennzeichnend für diesen Wandel sind, wie Sascha Lobo auf einer Veranstaltung sagte, die Ablösung der Informationen von einem bestimmten Medium und die Prozessualisierung des Nachrichtenflusses. Wie nirgend sonst, lässt sich das an dem (nicht nur für die) Banken wichtigsten Medium ablesen: Dem Geld. 

Stefan Jensen und Jens Naumann beschreiben das Medium "Geld" aus Sicht der Soziologie und Kulturtheorie:
"Codierung" bedeutet die semantische Verschlüsselung von Einheiten eines linguistischen Zusammenhangs durch Zuordnung eines bestimmten Sinns (Bedeutung) zu einem Zeichen. In derselben Weise werden in einem spezialisierten Interaktionszusammenhang die einzelnen Handlungselemente auf der Basis des institutionellen Codes mit einer bestimmten Bedeutung verschlüsselt. Die Entwicklung eines Mediums bedeutet dann die Ausprägung und Zuordnung von spezifischen Symbolen, die einen komplexen Sinnzusammenhang ausdrücken und transformieren.
Das Standardbeispiel dafür ist Geld. Der institutionelle Code der (modernen) Wirtschaft bildet seine normative Hintergrundstruktur. Ökonomische Tauschvorgänge sind spezialisierte Interaktionsprozesse, deren Bedeutung durch die Marktbedingungen, Eigentumsvorstellungen, Vertragsrechte und anderes mehr geregelt ist. Symbol der Verfügungskapazitäten ist das Geld, das die Rolle eines Mediums übernimmt (in: Commitments: Medienkomponente einer ökonomischen Kulturtheorie)
Unbeabsichtigt, der Beitrag erschien im Jahr 1980, schlagen die Autoren eine Brücke zu den neuerdings lebhaft diskutierten Digitalen Währungen bzw. Cyberwährungen. 

Marc Andreessen, Risikokapitalgeber und u.a. Gründer von Netscape, erkennt in Bitcoin den Beginn eines neuen Zeitalters im Banking. 
We have a chance to rebuild the system. Financial transactions are just numbers; it’s just information. You shouldn’t need 100,000 people and prime Manhattan real estate and giant data centers full of mainframe computers from the 1970s to give you the ability to do an online payment (Quelle: In his words: Marc Andreessen on big data, bitcoin and upending the world of finance)
Anders als bei Jensen und Naumann kommt bei Andreessen die Semantik, d.h. die Frage der Bedeutung von Informationen, nicht vor. 

Geld ist in den letzten Jahren, nicht nur wegen des Aufkommens digitaler Währungen, noch unstofflicher geworden. Geld ist weniger als sonst an ein bestimmtes Medium gebunden. Ob Geld allerdings nur als Code, als Algorithmus interpretiert werden kann?

Wie auch immer. Unübersehbar ist, dass in der Aufmerksamkeitsökonomie derjenige über eine gute Ausgangsposition verfügt, der eine Plattform mit großer Reichweite und hohem "Unterhaltungswert" anbieten kann. Das gilt auch für das Banking. Insofern befinden sich die großen Internetkonzerne wie Amazon, Google, facebook, Apple, Tencent, Baidu und Alipay/Alibaba in einer komfortablen Position. Nicht von ungefähr haben die Internetkonzerne ihre Bemühungen verstärkt, in das Medien- bzw. Filmgeschäft einzusteigen, wie Tencent, Amazon und Apple. Für den Netzökonomen ist facebook der neue Gatekeeper für Nachrichten

Wer in der Lage ist, eine "Customer Journey" ohne allzu große Medienbrüche anzubieten, wessen Service dem Informationsverhalten der Kunden am besten entspricht, wird auch im Banking ein gewichtiges Wort mitreden. Als Gatekeeper kann er großen Einfluss auf das Geschäft der Banken, der klassischen Finanzintermediäre ausüben.

Der Medienwandel steht dann gleichzeitig für einen Stilwandel im Banking. 

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