Mittwoch, 26. November 2014

New Banking trifft Militärstrategie

Von Ralf Keuper

Vor einigen Monaten habe ich mich auf diesem Blog mit der Frage beschäftigt, ob das Vorgehen der neuen Herausforderer im Banking nicht große Ähnlichkeit mit dem aus dem Militärwesen stammenden Begriff der Indirekten Strategie hat.

Unterdessen haben m.E. einige Ereignisse der letzten Zeit die Bedeutung strategischer Fragen im Banking noch deutlicher hervortreten lassen. Besonders offenkundig wurde das mit der Markteinführung von Ant Financials, dem, wenn man so will, Finanzarm von Alibaba. In seiner Kolumne Ant Financial: The Greatest Victory Is That Which Requires No Battle spielt Christoffer O. Hernoes bereits im Titel auf die Kriegskunst im alten China an, wie sie vor allem von Sun Tsu in seinem Klassiker Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Die Kunst des Krieges beschrieben wurde. Im Kern geht es bei dieser Kriegskunst darum, einer direkten Konfrontation mit dem Gegner so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen, und währenddessen seine eigene Position gezielt auszubauen, den Gegner also quasi zu umzingeln, ohne dass dieser es merkt oder als Bedrohung wahrnimmt. Noch Mao hat sich im Grundsatz dieser Strategie bedient. 

Seit einiger Zeit können wir die Bildung großer digitaler Plattformen beobachten, die ihre Kreise immer weiter ausdehnen. Nachdem sie den Mediensektor schon weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht haben, wenden die großen Internetkonzerne wie Amazon, Apple, Google, Alibaba, Tencent, Baidu, Facebook & Co. sich verstärkt anderen Branchen zu, darunter auch das Banking. Fast jede dieser digitalen/medialen Plattformen verfügt über eine Reichweite, die diejenige, auch der größten Banken, weit in den Schatten stellt. In gewisser Weise sind die großen Internetkonzerne eifrig dabei, einen Belagerungsring um die Banken zu ziehen. Langsam aber sicher werden sie von der Außenwelt, vom Nachschub abgeschnitten. Die Zufahrtsstraßen sind blockiert bzw. befinden sich unter der Kontrolle anderer. Die eigene Infrastruktur reicht nicht mehr aus, um in einem Befreiungsschlag erfolgreich eingesetzt zu werden. Die Stoßkraft ist zu gering. 

Was kann eine belagerte Stadt, wenn man dieses Bild wählen will, tun? Durchhalten, so lange die Vorräte (Kapital) reichen, auf Hilfe von Außen (andere Banken oder Internetkonzerne, Staat/Regierung) warten oder einen Ausbruch (Digitalisierung) versuchen? Man kann natürlich auch Friedensverhandlungen führen. 

Wie auch immer: Mit der Zeit nimmt die Zahl der Optionen ab. 

In der westlichen Welt genießt das Buch Vom Kriege von Carl von Clausewitz eine vergleichbare Popularität wie Sun Tsus Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Noch heute zählt es in europäischen und amerikanischen Militärkreisen zur Standardlektüre

Hans H. Hinterhuber nennt in seinem Buch Wettbewerbsstrategie die wesentlichen Grundsätze der Kriegsführung nach Clausewitz:
  1. Das Ziel
  2. Die Konzentration der Kräfte
  3. Die Berechnung von Raum und Zeit
  4. Die Ökonomie der Kräfte
  5. Der Grundsatz der Einfachheit
  6. Die Überraschung
  7. Der Schwerpunkt
  8. Die abnehmende Kraft der Offensivstrategie
  9. Die Beziehung zwischen Defensive und Offensive
  10. Das moralische Element
  11. Die Friktionen
  12. Der Primat der Politik über die Strategie
Vor allem Punkt 9 Die Beziehung zwischen Defensive und Offensive hat für Clausewitz einen hohen Stellenwert. Persönlich gab er im Zweifel der Defensive den Vorzug vor der Offensive. Seiner Ansicht nach sei es besser, aus einer gesicherten Position heraus die Aktionen des Angreifers abzuwarten und auf dessen Fehler zu lauern. Anhaltender, gezielter Widerstand würde den Gegner auf Dauer zermürben. Heute ist dieses Prinzip u.a. als asymmetrische Kriegsführung bekannt. Eine Offensive sollte nur dann erfolgen, wenn man sicher sein kann, aus der Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen, was aber nur dann der Fall ist, wenn man dem Gegner an Zahl, Munition und Waffen weit überlegen ist - ein Punkt, den übrigens auch Mao betonte. 

Aber nicht alle fernöstlichen Ratgeber zur Militärstrategie raten zu einem defensiven Vorgehen. In dem Buch der fünf Ringe. Klassische Strategien aus dem alten Japan von Miyamoto Musashi heisst es u.a.
Heutige Schulen der Schwertkunst üben häufig nur Abwehr, Ausweichen, Rückzug und Flucht. Das führt dazu, dass der Gegner mit einem machen kann, was er will. Mein Weg ist hingegen gerade und ohne Umschweife. Man muss soviel Kampfgeist besitzen, dass man den Gegner durch den unmittelbaren Angriff beherrscht und gefügig macht. 
Mit Blick auf die Stärke der Gegner wäre ein direkter Angriff, noch dazu auf einem Feld wie dem Internet, für die Banken ein zu großes Risiko. Aber auch der stärkste Gegner hat Schwächen, auch die größte Offensive gerät, wie Clausewitz schreibt, irgendwann ins Stocken. Hier gilt es dann die Kräfte zu bündeln und den richtigen Zeitpunkt und Schwerpunkt der Aktivitäten zu  wählen. 
Verheerend wäre es, den Gegner an allen Punkten gleichzeitig anzugreifen. Zuvor muss geklärt sein, welchen Gebiete man erfolgreich verteidigen kann und welche nicht oder nur unter hohen Verlusten, d.h. die ein oder andere Stellung muss geräumt werden, wenn man nicht zerrieben werden will. 

Wie Hans Hinterhuber und mit ihm auch andere, wie Peter Drucker, schreiben, besteht das höchste Ziel der Strategie in der Bewahrung der Handlungsfreiheit:
Das Ziel der Strategie ist oft weniger ein abgeschlossenes Ergebnis - eine führende Wettbewerbsposition -, das es innerhalb bestimmter Zeiten und Kosten zu erreichen gilt, sondern eine zukünftige Handlungsfähigkeit, das Erreichen eines bestimmten Grades von Kontrolle der Situation oder die Einnahme einer Position, die eine Vielzahl von Optionen offenlässt; und zwar mehr als heute bestehen. Das Ziel der Strategie ist, mit anderen Worten, die Suche nach einem neuen "dynamischen Gleichgewicht"; dieses dynamische Gleichgewicht wird nicht auf einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auf eine bestimmte Zeitspanne bezogen und ist das Ergebnis gegenseitigen Nachgebens und des Aufgebens übertriebener Forderungen im Interesse eines langfristigen Nutzens. 
Dieses dynamische Gleichgewicht müssen die Banken m.E. in den nächsten fünf Jahren gefunden haben. 

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