Montag, 17. November 2014

Über die Koexistenz von alter und neuer Welt im Banking

Von Ralf Keuper

Die Frage, ob und inwieweit die alte und neue Welt im Banking friedlich nebeneinander existieren können, spaltet nach meinem Eindruck das Lager der Branchenbeobachter in zwei Lager. 
Exemplarisch für diese Bruchlinie stehen ganz aktuell zwei Artikel: Zum einen Why Technology Isn't Going To Fix Banking und zum anderen The digital banking promise.

Im ersten Beitrag berichtet der Autor Angus Kidman von dem Gartner Symposium ITxpo/2014 auf dem u.a. die bekannte Gartner Analystin Kristin Moyer sprach. Darin trat sie der Sicht entgegen, dass das konventionelle Banking in absehbarer Zeit von der Bildfläche verschwinden werde, und an seiner statt FinTech-Startups die Zukunft gehören werde. Zwar seien die Defizite der klassischen Banken kaum noch wegzudiskutieren, jedoch wären die Erwartungen an die FinTech-Startups zu hoch geschraubt. Neben der Tatsache, dass es sich dabei um kleine Unternehmen handelt, sei auch zu bedenken, dass nur die wenigsten auf Dauer überleben werden. Beide, klassische Banken wie auch ihre diversen Herausforderer, werden in Zukunft mit großen technologischen Risiken konfrontiert, die manch einen Blütentraum verdorren lassen werden. 

Auf der anderen Seite richtet der Beitrag von Tariq Khari von EY den Blick in die Zukunft des digitalen Banking. Vor allem die nahezu unbemerkte, bruchlose Integration des Banking in den digitalen Alltag der Menschen wird das Gesicht des Banking wandeln. Die Kommunikation über soziale Netzwerke wie Facebook wird auch für das Banking nicht ohne Folgen bleiben. Hinzu kommen noch neue technologische Entwicklungen wie die NFC-Technologie, die bei den Mobile Payments gerade - nicht nur über Apple Pay - Einzug halten. Auch Khari weist auf die nicht unbeträchtlichen technologischen Risiken hin, die der Verbreitung des digitalen Banking noch manch einen Streich spielen können. 

Meine Bewertung:

So sehr ich Kristin Moyer als Branchenkennerin schätze, so komme ich in diesem Fall doch zu einer abweichenden Beurteilung. Zwar ist es richtig, dass die vielen FinTech-Startups an wirtschaftlichem Gewicht und der Zahl bemessen, kaum in der Lage sein werden, die klassischen Banken ernsthaft in Gefahr zu bringen; jedoch vergisst sie dabei völlig die anderen großen Herausforderer wie Apple, Alibaba/Alipay, Tencent, PayPal, Google, Amazon & Co zu erwähnen. Das ist die eigentliche Bedrohung. Und auch das eine oder andere Startup wird den Banken noch einigen Kummer bereiten. Man liest bei ihr wenig von den Internetkonzernen und ihren Aktivitäten, immer mehr Bankgeschäfte in ihre Kanäle zu lenken. 
Das bedeutet freilich nicht, dass sie mit ihrer aktuellen Einschätzung nicht Recht behalten könnte, wenngleich ich die Wahrscheinlichkeit derzeit für gering halte. 

Der Beitrag von Tariq Khari trifft schon eher meinen "Geschmack". Aber auch hier kaum eine Rede von den echten Herausforderern und dem medialen Wandel, der m.E. den digitalen noch weit an Auswirkungen für das Banking übertreffen wird. 

Trotz aller genannten Einwände, halte ich den Punkt der Koexistenz von alter und neuer Welt für wichtig. Wenn wir davon ausgehen, dass der Wandel im Banking nicht über Nacht kommen wird, und wir derzeit einen Übergangsstil im Banking und (noch) keinen Stilbruch erleben, dann spricht einiges für ein Nebeneinander vom herkömmlichem und neuem Banking. 

Die Frage der Koexistenz von Institutionen behandelt Raphael Lutz am Beispiel der Moderne im 19. und 20. Jahrhundert in Europa. Das Buch habe ich nicht gelesen, wohl aber die Besprechung in dem Blog Übergangsgesellschaften. Dort steht u.a.
Koexistenzen unterschiedlicher Institutionen und Handlungslogiken mit verschieden langer Geschichte sind in europäischen Gesellschaften eher die Regel als die Ausnahme
Und weiter:
Interessant ist es also nicht so sehr sich anzusehen, wo es solche Koexistenzen gibt. Stattdessen könnte man untersuchen, wie die oben angesprochenen „Umcodierungen“ vonstattengehen. Also: Wie funktioniert diese Koexistenz? Welche Anpassungen finden statt? Wie finden sie statt? Werden sie von den ZeitgenossInnen reflektiert und bewertet?
Übertragen auf die vorliegende Thematik: Welche Stilarten, Stilmischungen aus altem und neuem Banking werden wir - für wie lange - sehen? Welche Stilelemente haben die Chance, den digitalen und medialen Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft zu überdauern? Welche "Zeitschichten des Banking", in Anlehnung an Reinhart Koselleck, werden bestehen bleiben, welche werden sich von Grund auf verändern?

Meine Annahme/These: Je näher die Dienste und Services an der Benutzeroberfläche liegen, um so deutlicher der Wandel und größere Chancen für Herausforderer bzw. branchenfremde Anbieter, je mehr nachgelagerte Funktionen, wie Middleware und Backend betroffen sind, um so geringer die Auswirkungen. 

Es wird verschiedene Geschwindigkeiten geben. 


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