Freitag, 5. Dezember 2014

Das strategische Dilemma der Banken

Von Ralf Keuper

Zu den wohl bekanntesten Zitaten aus der mittlerweile reichhaltigen Literatur zum Thema Strategie, zählt noch immer folgender Ausspruch des legendären preußischen Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke d.Ä.:
Die Strategie ist die Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den stets sich ändernden Verhältnissen. 
Weiterhin bezeichnete von Moltke die Strategie als "ein System der Aushilfen" oder gab zu bedenken, dass Strategie nicht lehrbar sei, da sie sich nicht auf allgemeine Lehrsätze oder Regeln reduzieren lasse. Zu groß ist der Einfluss der jeweiligen Situation/Konstellation, der handelnden Personen und vielleicht des Schicksals, um eine Strategie nach einem zuvor festgelegten Vorgehen zum Erfolg zu führen. Es kommt immer anders. 

Trotzdem kann ohne eine bestimmte Vorstellung davon, wie der Markt sich entwickeln könnte und welche strategischen Wendepunkte (Andy Grove) auf der Reise zu passieren sind, kein Unternehmen die Kraft und Zuversicht für die Zukunft schöpfen. 

Nur allzu deutlich ist das strategische Dilemma der Banken in letzter Zeit geworden. Angesichts der Herausforderungen auf dem regulatorischen, politischen und technologischen Feld, drängt die Zeit, die strategische Ausrichtung den sich ändernden Verhältnissen anzupassen. 
Leichter gesagt als getan. Zu groß das Erbe, das man mit sich herumträgt, der Bezug zur Geschichte des Hauses, zu frisch noch die Erinnerung an die eigene herausragende Stellung für das Wohl und Wehe von Wirtschaft und Gesellschaft. Und nicht zuletzt: zu stark noch die bindenden Kräfte der bestehenden Systemlandschaften, wie auch die bürokratischen Strukturen, die auch den größten Eifer schnell erlahmen lassen. 
Indes: Zeigt nicht allein der Status der Systemrelevanz, wie unabkömmlich die Banken noch immer sind?

Nur für welches System? Und ist dieses System überhaupt selbst noch relevant?

Aus der Vielzahl der Erklärungsansätze, warum es etablierten Unternehmen nicht gelingt, angemessen auf neue Herausforderungen der Umwelt zu reagieren, ragen für mich, neben Christensens Innovators Dilemma die Gedanken von Pankaj Ghemawat und Sumantra Ghoshal hervor.
Zentral für Ghemawat ist der Begriff Commitment. Darunter ist mehr oder weniger das Verharren von Unternehmen in Verfahren und Strutkturen gemeint, die in der Vergangenheit zwar erfolgreich gewesen sind, heute jedoch verhindern, dass ein neuer Kurs eingeschlagen werden kann. Exemplarisch hierfür ist das Paper Commitment versus Flexibility. Sumantra Ghoshal wurde vor allem durch seinen Aufsatz Bad Management Theories Are Destroying Good Management Practices bekannt. Großen Wert legte Ghoshal auf das soziale und emotionale Kapital eines Unternehmens. 

Sehenswert wie auch bezeichnend für seine Haltung ist der Mitschnitt seiner Rede auf dem World Economic Forum The Smell of the place.


Darin hebt er die Bedeutung der Atmosphäre bestimmter Orte für die Inspiration und Motivation von Menschen hervor. Das bestimmte Etwas, das sich nicht beschreiben, und schon gar nicht lehren lässt.
Das ist wohl einer der Gründe für die Anziehungskraft, die von vielen FinTech-Startups ausgeht.

Welche Bank kann von sich behaupten, ein Ort der Inspiration, eines besonderen Spirits/Esprits im Sinne der Definition Ghoshals zu sein?

Was wir dagegen momentan beobachten können ist, trotz der zunehmenden Aktivitäten der Banken im Bereich FinTech, eher ein Kurieren an den Symptomen. Die zentralen Annahmen werden kaum infrage gestellt. Detailverliebtheit ersetzt/verstellt den Blick für das Ganze. 

Ein unauflösbares Dilemma, das der Publizist und Historiker Sebastian Haffner einmal angesichts der Kriegsführung des Deutschen Reiches während des 1. Weltkrieges in die treffenden Worte fasste:
Entscheidende Fehler im gesamtstrategischen Konzept sind durch noch so glänzende Detailleistungen im operativen Bereich nicht wieder einzuholen.

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