Dienstag, 30. Dezember 2014

Der Zeitbaum des Banking

Von Ralf Keuper

Neben der Metapher der Zeitschichten von Reinhart Koselleck halte ich die des Zeitbaums von Friedrich Cramer ebenfalls für besonders geeignet, die Veränderungen, den Stilwandel im Banking zu veranschaulichen. 

Schon mit Aristoteles setzt für Cramer ein neues Zeitverständnis ein, das seitdem das Leben, den Tagesablauf der Menschen strukturiert und in gewisser Weise auch dominiert.  
Aristoteles, der Schüler Platons .., führte einen Zeitbegriff ein, den wir heute als digitale Zeit bezeichnen würden, ein Zeitbegriff, der sich nicht unbedingt auf die ewige, "eine" unveränderliche Zeit beruft. Für ihn ist die Bewegung das Primäre und die Zeit eine Größe, die diese Bewegung, Veränderung, Metamorphose zu beschreiben gestattet, mehr nicht. ... Aristoteles schlägt eine Art "Systemzeit" vor, und solche Systemzeiten misst die Digitaluhr, unter Umständen sehr genau. ..
Genau besehen ist die aristotelische Abkoppelung von der "ewigen" Zeit eine gewaltige Emanzipationsleistung. Denn die Zeit als eine sekundäre, abgeleitete Größe aufzufassen, bedeutet im Grunde Aufgabe von Sicherheit, stellt einen Akt der Abkoppelung vom statischen kosmischen Prozess dar (in: Der Zeitbaum. Grundlegung einer Allgemeinen Zeittheorie).
Wenn man so will, kann Aristoteles als der Vater der Digitalisierung bezeichnet werden. Sein Lehrer Platon dagegen, steht für das alte, analoge Zeitverständnis. 
Das abendländische Denken ist und bleibt durch die beiden Denkweisen geprägt: Die "absolute Zeit" eingebettet in das absolute Sein in der Ideenwelt des Platon - und die "Zeit des Werdens", die irreversible Zeit des Aristoteles (ebd.).
So waren die modernen Banken schon immer Teil und Treiber der Digitalisierung, trotz ihrer ansonsten konservativen Haltung. Die Banken haben es über die Jahrhunderte verstanden, mit der irreversiblen Zeit zu gehen, ohne dabei den Kontakt mit der absoluten Zeit völlig zu verlieren. Jedenfalls versucht man in den Banken bestimmte Traditionen zu pflegen und nicht gleich jedem Trend hinter her zu laufen. 
Das hat sich seit einigen Jahrzehnten geändert. Kennzeichnend dafür ist die Hinwendung vieler großer Banken zum Investmentbanking. Jüngster Ausdruck dieser Entwicklung sind das Algo Trading sowie das Aufkommen der sog. Quants. Die Geschwindigkeit im Banking nimmt stetig zu. Nicht immer hat man den Eindruck, als würde den Banken das Tempo bekommen. Hier dominiert der irreversible Zeitbegriff.
Auf der anderen Seite jedoch, sind sie erstaunlich statisch. Der technologische Wandel, die z.T. turbulenten Veränderungen in ihrem Umfeld, scheinen die Banken mehr zu verunsichern, als zum Handeln aufzufordern. Hier verweilt man gerne in der absoluten Zeit. Es scheint, als stelle die Aufgabe der Synchronisation der beiden Zeitwelten die Banken vor einem unlösbaren Dilemma, das in dieser Form bisher nicht existierte, wenngleich auch in der Vergangenheit, man denke an die Telegrafie und das Aufkommen des Computers, das irreversible Zeitverständnis Einzug hielt. 

Friedrich Cramer war der Überzeugung, dass reversible (absolute) und irreversible Zeit nicht voneinander getrennt behandelt werden können, wozu er die Metapher des Zeitbaums entwarf:
Eine der Thesen dieses Buchs wird sein, dass Zeitlosigkeit und Zeit, oder, wie es hier genannt wird, reversible und irreversible Zeit .. nicht unverbunden als Gegensätze unabhängig voneinander existieren, die Zeitlosigkeit .. gewissermaßen ein unerreichbares Ideal, und die Zeit, in der sich etwas ereignet .., unerklärbar, unbeschreibbar, sondern dass beide in einer Art Getriebe zusammenhängen, in welchem das Weltgeschehen aufgehängt ist und das hier "Zeitbaum" genannt wird (ebd.).
Wieviel absolute/reversible Zeit und wieviel irreversible Zeit braucht das Banking? Wie ist die optimale Verteilung? Kann eine Bank, wie ein Zeitbaum, dieses Getriebe noch zusammenhalten, synchronisieren?

So viel scheint sicher: Was die irreversible Zeit angeht, sind die Banken kaum noch in der Lage, mit der Geschwindigkeit Schritt zu halten. Hier sind andere Anbieter besser geeignet. Auf der anderen Seite jedoch, bleibt der Bedarf für die Hüter der absoluten Zeit bestehen, ja wird sogar noch wachsen, da die Defizite des anderen Zeitmodus immer deutlicher zu Tage treten werden. Es bedarf also eines Korrektivs. Diese wichtige Rolle könnten die Banken ausfüllen, was nicht bedeutet, dass sie sich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen sollten/müssen. 

Sie müssen ihre eigene Rolle, ihre Timing erst noch finden. 

In gewisser Weise befinden sich die Banken momentan in einer Zeitfalle oder, anders: Vor der Zeitmauer (Ernst Jünger)

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