Montag, 29. Dezember 2014

Die alte Bank und die digitale Revolution

Von Ralf Keuper

Es scheint, als würden wir im Banking derzeit einen epochalen Wandel erleben. Da liegt es nahe, nach Parallelen in der Geschichte zu suchen. Kaum ein Ereignis der Weltgeschichte ist dazu auf den ersten Blick besser geeignet, als die französische Revolution. 
Gewiss - der Vergleich ist zu hoch gegriffen. Trotzdem lohnt die nähere Betrachtung der Zeit vor Ausbruch der Revolution, wie es in dieser Form Alexis de Tocqueville wohl einmalig in Der alte Staat und die Revolution getan hat.

Tocqueville, Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, stand der Demokratie skeptisch, jedoch nicht per se ablehnend gegenüber. Dennoch konnte er seine Zweifel nie ganz überwinden. Seinem analytischen Scharfblick tat das allerdings keinen Abbruch. So fiel seine erste Diagnose auch recht nüchtern aus:
Es gibt Zeiten, in denen Menschen so verschieden voneinander sind, dass der Gedanke eines einzigen, für alle gleichmäßig geltenden Gesetzes beinahe ganz unfassbar für sie ist. Zu anderen Zeiten hingegen genügt es, ihnen von weitem und undeutlich das Bild eines solchen Gesetzes zu zeigen, dass sie es sofort erkennen und ihm entgegeneilen.
Übertragen auf das Banking ist dieses Bild, von dem Tocqueville spricht, das der digitalen Bank. Die Digitalisierung, die Verbreitung des Internet, die Verlagerung der Kommunikation auf mobile Kanäle mittels Smartphones, lässt die Welt zusammenrücken, das "Globale Dorf" von Marshall McLuhan ist für viele Realität. Da ist kaum noch Überzeugungsarbeit nötig. 

Das Ancien Régime wird im Banking demgemäß von den etablierten, klassischen Banken repräsentiert. 
Zu spät erkannte die damalige führende Gesellschaftsschicht, dass sie den Bezug zur Realität, zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Lebensbedingungen der Menschen verloren hatte. Auch als sie zu Reformen bereit war, musste sie feststellen, dass ihre Maßnahmen zu spät einsetzten. Ja, sogar ihre ersten Erfolge waren der Grund für ihren rasanten Abstieg:
Die Regierung, die durch eine Revolution vernichtet wird, ist fast stets besser als die unmittelbar voraufgegangene, und die Erfahrung lehrt, dass der gefährlichste Augenblick für eine schlechte Regierung der ist, wo sie sich zu reformieren beginnt.
Wohlgemerkt: Es handelt sich um einen groben geschichtlichen Vergleich. Nicht um Vernichtung, wohl aber von einer schrittweisen Ablösung kann in Bezug auf das Banking gesprochen werden.  Die digitale Transformation birgt also das Risiko, dass sie, selbst wenn sie erste Erfolge zeitigen sollte, den Abwärtstrend nicht aufhalten kann, da die Alternativen zu verlockend und die vermeintlich neuen Anbieter von der Vergangenheit unbelastet sind. 

Aber haben wir es dann tatsächlich mit einer Revolution zu tun?

Wohl kaum. Denn, wie Tocqueville beschrieb und die weitere Entwicklung in Frankreich gezeigt hat, ist es utopisch zu glauben, man könne eine neue Welt quasi aus dem Nichts, ohne jeglichen Bezug zum vorherigen Zustand, schaffen. Immer setzt die "Revolution" auf das Bestehende auf, sie revolutioniert weniger, als dass sie transformiert. Die Macht verschwindet nicht, sie erscheint nur in einem neuen Gewand:
Da die französische Revolution nicht allein den Zweck hatte, eine alte Regierung zu beseitigen, sondern auch die alte Form der Gesellschaft abzuschaffen, so musste sie gleichzeitig alle bestehenden Gewalten angreifen, alle anerkannten Einflüsse vernichten, die Traditionen in Vergessenheit bringen, die Sitten und Gebräuche erneuern und den menschlichen Geist gewissermaßen aller Ideen entledigen, auf denen bis dahin Respekt und Gehorsam geruht hatten ..

Aber man räume die Trümmer weg: man gewahrt eine ungeheure Zentralgewalt, die in ihrer Einheit alle Bestandteile von Autorität und Einfluss an sich gezogen und verschlungen hat, die vorher unter einer Menge von untergeordneten Gewalten, Orden, Klassen, Professionen, Familien und Individuen zersplittert und gleichsam im ganzen Gesellschaftskörper verstreut waren. .. Die Revolution hat diese neue Macht geschaffen, oder vielmehr diese ist wie von selbst aus den Trümmern hervorgegangen, die das Werk der Revolution waren. 
In gewisser Hinsicht könnte man die Internetkonzerne, die digitalen Ökosysteme als die neue Macht beschreiben, die das Ergebnis der Revolution oder Transformation ist, die sich derzeit im Banking vollzieht. Die Macht verschiebt sich. Das ist ein Vorgang, wie er in der Geschichte üblich und geradezu notwendig ist. Quasi eine natürliche Begleiterscheinung gesellschaftlichen Fortschritts. Alte Institutionen verlieren an Bedeutung, neue treten an ihre Stelle. 

Gleichwohl stellt sich die Frage, wie sich die Macht künftig verteilt. Wird es zu einer Machtkonzentration kommen und damit zu einem Einheitsstil im Banking, oder aber können aus den Reihen der FinTech-Startups neue Mitspieler hervorgehen, die in Kooperation untereinander oder mit den etablierten Banken eine Art Gegengewicht schaffen?

Wir werden sehen. 

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