Samstag, 13. Dezember 2014

Digitale Ökosysteme stecken ihre Reviere ab - Banken nur Zuschauer

Von Ralf Keuper 

Allein ein Blick auf die Meldungen der jüngsten Vergangenheit zeigt, dass die Internetkonzerne dabei sind, ihre Reviere zu kennzeichnen, oder, wo unumgänglich, Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Aktuelle Beispiele sind Apple und PayPal, Alipay und Apple Pay, PayPal und Samsung, Google Play und PayPal usw. 

So weit geht die Zuneigung jedoch nicht, dass man nicht eifersüchtig darauf achtet, Konkurrenten bei der Jagd aus dem eigenen Revier zu vertreiben, wenn sie den Beutebestand zu gefährden drohen, wie jüngst Google Pay mit Amazon

Apple überlegt zur Zeit, Google als Standardsuchmaschine für Safari abzulösen. Auf der anderen Seite, unterstützt die neue Chrome-Version nicht mehr alle Apple-Computer. Unterdessen gab Facebook bekannt, auf die Dienste der Microsoft-Suchmaschine Bing von nun an zu verzichten

Die genannten Phänomene gehören in der Tierwelt schon längst zum Verhaltensstandard. Je nach Situation schwingt das Pendel einmal mehr zur Konkurrenz oder zur Kooperation. 

Matthias Nöllke geht darauf in seinem Buch So managt die Natur. Was Führungskräfte vom erfolgreichsten Unternehmen aller Zeiten lernen können, näher ein:
Der Wettbewerb in der Natur ist oft erstaunlich begrenzt, ja reglementiert. Und das hat .. durchaus seinen Sinn. Auf der anderen Seite begegnen uns in der Natur die erstaunlichsten Allianzen: Da kooperieren nicht nur Artgenossen miteinander, um gemeinsam zu überleben, da arbeiten auch Tiere zusammen, die einander völlig wesensfremd sind. Manche Bündnisse sind zweckbezogen und zeitlich begrenzt, andere bestehen ein Leben lang. 
Neu an den aktuellen Revierkämpfen ist, dass die Rivalen bei der Aufteilung der Territorien im Netz gleichzeitig über das Geschäft anderer Branchen mit entscheiden - wie über das der Banken. Die Notwendigkeit mit wesensfremden Akteuren zu kooperieren ist nicht, oder nur in begrenztem Umfang nötig. 

So wenig grün sich die Internetkonzerne auch sonst sein mögen, in ihrem Ziel sind sie sich einig: Weite Teile des Geschäfts anderer Branchen auf ihre Plattformen, in ihre digitalen Ökosysteme zu lenken - das gilt in besonderer Weise für das Banking. 

In gewisser Weise erinnert diese Situation an die legendäre Kongokonferenz, die in den Jahren 1884/85 in Berlin unter der Leitung Bismarcks stattfand. Darin teilten die Großmächte den afrikanischen Kontinent unter sich auf, ohne dass auch nur eines der betroffenen Länder, einer der betroffenen Stämme an den Verhandlungen beteiligt gewesen wäre. Mit Lineal und unter Berücksichtigung der jeweilige geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der Großmächte, gliederte man den Kontinent in genau umrissene Staaten. Historische und ethnische Besonderheiten wurden dabei nicht, oder nur in sehr geringem Umfang berücksichtigt. 

Übertragen auf die Welt des Netzes könnte man, wenngleich dieser Vergleich natürlich hinkt, sagen, dass Google, Apple, Alibaba, PayPal & Co. gerade dabei sind, weite Teile des Bankgeschäfts unter sich aufzuteilen, ohne dass die Betroffenen, die Banken, an dem Vorgang beteiligt oder gar konsultiert würden. 
Wie gesagt, das ist nur ein sehr grober Vergleich. Sicherlich werden keine geheimen Konferenzen, die mit der Berliner Konferenz vergleichbar wären, zwischen den Internetkonzernen abgehalten. Jedoch lässt sich schon feststellen, dass viele Entscheidungen, die das Stammgeschäft der Banken betreffen, über deren Köpfe hinweg getroffen werden. Dabei handelt es sich keineswegs um eine geplante, konzertierte Aktion, sondern letztlich nur um die Nebenfolgen eines größeren Wandels, den derzeit und in absehbarer Zukunft vor allem die großen Internetkonzerne aktiv gestalten werden. 

Wie es scheint, neigt sich die Boomphase langsam aber sich dem Ende entgegen, oder wie Matthias Nöllke in dem Abschnitt Warten Sie ab, bis sich der Markt beruhigt hat, schreibt:
Allem Gerede vom ständigen Wandel zum Trotz kommen auch innovative "Boombranchen" irgendwann zur Ruhe. Dann sind nicht mehr die "intellektuellen Flachwurzler" gefragt, sondern diejenigen, die langfristig und strategisch denken. Wenn Sie die Zeit genutzt haben und behutsam in aller Unaufgeregtheit echte Kompetenzen aufgebaut haben, dann wird ihre Chance kommen - vorausgesetzt, dass ihr Markt nicht vorzeitig erneut umgepflügt wird. (ebd.) 
Was immer man auch gegen Apple, Amazon & Co. einwenden kann: Dass sie keine langfristige Strategie verfolgen würden, gehört nicht dazu. Jedoch sind auch sie nicht davor gefeit, dass der Markt just in dem Moment umgepflügt wird, als sie ihn gerade so schön aufgeteilt hatten. Ich bin ziemlich sicher, dass ihnen das bewusst ist ...

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