Dienstag, 9. Dezember 2014

Setzt Großbritannien zu hohe Erwartungen in die Finanzindustrie?

Von Ralf Keuper

Ob das ein Grund zum Jubeln ist? Wie der Guardian berichtet, gehen neueste Schätzungen der Bank of England davon aus, dass sich der Anteil des Banken-und Finanzsektors in Großbritannien am Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2050 verdoppeln könnte. Die Bank von England erkennt darin jedoch keine große Gefahr. Ihrer Ansicht nach bestehe kein zwingender Zusammenhang zwischen der Größe des Finanzsektors und der Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen.

Die Botschaft vernehm' ich wohl, allein ...

Was für uns die Automobilindustrie und der Maschinenbau, das ist für Großbritannien die Finanzbranche. Die aktuelle Regierung setzt vor allem in den Bereich FinTech große Erwartungen. Finanzminister George Osborne und der schillernde Bürgermeister von London, Boris Johnson, rühren für die FinTech-Szene Londons kräftig die Werbetrommel. 
Historisch gesehen besitzt der Finanzsektor in Großbritannien eine weitaus höhere Bedeutung als in Deutschland oder anderen kontinentaleuropäischen Ländern, mit Ausnahme der Schweiz. Insofern ist es zunächst einmal konsequent, wenn eine Volkswirtschaft den Weg weiter beschreitet, der sich in der Vergangenheit, mehr oder weniger, bewährt hat. Dass dadurch die Pfadabhängigkeit vergrößert wird, nimmt man dabei billigend in Kauf. Der erhoffte Ertrag wird die Kosten übertreffen - so die nicht unberechtigte Hoffnung. 
Das Geschäftsmodell jedes Landes hat irgendwo Schlagseite - davon können wir in Deutschland mit unserer extrem exportorientierten Wirtschaft wahrlich ein Lied singen. 

Jedoch erscheinen mir die Risiken des britischen Modells derzeit doch etwas höher zu sein, wie nicht nur Björn Finke in der Süddeutschen Zeitung vom 8. Dezember 2014 in Großbritannien: Gefährlicher Aufschwung meint. Obschon Großbritanniens Wirtschaft die derzeit höchsten Wachstumsraten verzeichnet, ist der Aufschwung in der Bevölkerung noch nicht angekommen. Statt der Löhne sind die Immobilienpreise gestiegen, was viele Hausbesitzer zu einem Konsum auf Pump veranlasst - bekannte Muster aus der Zeit vor dem Ausbruch der letzten Finanzkrise.

In dem Beitrag Das Startup-Ökosystem im Vereinigten Königreich (The UK Tech-Startup Ecosystem) auf diesem Blog hatte ich, bei aller aufrichtigen Bewunderung für die Dynamik und die Aufbruchstimmung im Vereinigten Königreich, leise Zweifel angemeldet, ob die Digitalisierung des Geschäftsmodells der britischen Wirtschaft die Erwartungen erfüllen kann. 

Sie sind seitdem nicht geringer geworden.

Update: 

Inzwischen erreichte mich per twitter ein Hinweis auf den aktuellen Beitrag im Deutschlandradio Kultur: Hungernd in London: In Großbritannien steigt die Nachfrage nach kostenlosen Lebensmitteln enorm

Weitere Informationen:

Why Is The UK Banking System So big And Is That A Problem?




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