Dienstag, 17. Februar 2015

Banking trifft Vilém Flusser

Von Ralf Keuper

Der Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser war wegen seiner unkonventionellen Sicht auf die Medien nicht unumstritten. Nicht wenige erkennen in ihm jedoch, neben Marshall McLuhan,  den wichtigsten Medienforscher des 20. Jahrhunderts. 

Viele seiner Diagnosen und Prognosen zur Kommunikation haben sich als zutreffend erwiesen. Auf alle Fälle sind sie gerade heute dazu geeignet, den Blick auf die Veränderungen der Gesellschaft durch die zunehmende Digitalisierung des Alltags zu schärfen - das gilt auch für die Entwicklung im Banking.

In seinem Beitrag Die kodifizierte Welt rückte Flusser die Bedeutung von Codes in den Vordergrund:
Ein Code ist ein System aus Symbolen. Sein Zweck ist, Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen. Da Symbole Phänomene sind, welche andere Phänomene ersetzen ("bedeuten"), ist die Kommunikation ein Ersatz: Sie ersetzt das Erlebnis des von ihr "Gemeinten". Menschen müssen sich untereinander durch Codes verständigen, weil sie den unmittelbaren Kontakt mit der Bedeutung der Symbole verloren haben. (in: Vilém Flusser: Medienkultur)
Bereits die ersten Höhlenmalereien sind für Flusser Codes in dem beschriebenen Sinne. Ein entscheidender Einschnitt war die Entstehung der Schrift, die für Flusser einen linearen Code darstellt. 

Heute rücken häufig wieder Bilder an die Stelle von Texten. In gewisser Weise entwickeln wir uns wieder zurück zum Urzustand. Kennzeichnend dafür ist laut Flusser der Bedeutungsverlust eindimensionaler Codes, wie der Schrift, im Vergleich zu den zweidimensionalen, wie der Farbe. 
Die Tatsache, dass die Menschheit von Oberflächen (Bildern) programmiert wird, kann jedoch nicht als eine revolutionäre Neuigkeit angesehen werden. Im Gegenteil: Es scheint sich um eine Rückkehr zu einem Urzustand zu handeln. Vor der Erfindung der Schrift waren Bilder entscheidende Kommunikationsmittel (ebd.).
Noch immer sind wir linear programmiert, d.h. auf das Lesen von Texten geeicht:
Wir "lesen" die Welt, zum Beispiel, logisch und mathematisch. Aber die neue Generation, welche von Techno-Bildern programmiert wird, teilt nicht unsere "Werte". Und wir wissen noch nicht, für welche Bedeutung die Techno-Bilder, die uns umgeben, programmieren (ebd.).
An diesem Punkt etwa, stehen wir heute. Dabei muss man hinzufügen, dass Flusser mit der neuen Generation nicht die sog. Millenials oder die Generation Y .. gemeint hat; der Aufsatz stammt aus dem Jahr 1978. 

Diese "Werte-Krise" macht sich auch im Banking seit einiger Zeit bemerkbar. Die Digitalisierung, die veränderte Mediennutzung der heranwachsenden Generation, stellt die Banken vor ganz neue Herausforderungen, denen sie mit der Digitalisierung ihrer Angebote, Dienstleistungen und Prozesses begegnen wollen. Folgt man Flusser, dann ist dieses Bemühen vergeblich, da man auf diese Weise einen Code benutzt, der nicht mehr gültig ist bzw. von den Empfängern nicht mehr entschlüsselt werden kann - und auch nicht mehr entschlüsselt werden muss. Kurzum: Die Kunden bewegen sich in anderen Symbolmilieus

Den Zugang dazu findet man nicht über die digitale Runderneuerung des eigenen Geschäftsmodells. Das wäre letztlich nichts anderes, als "Neuer Wein in alte Schläuche". 

Nötig wäre vielmehr, zumindest in Gefolgschaft Flussers, die Umcodierung einzuleiten, d.h. sich den neuen Symbolwelten, Symbolmilieus zu nähern. 

Leichter gesagt, als getan. 

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