Samstag, 14. Februar 2015

Ist die Zeit reif für ein "Silicon Valley of Europe"?

Von Ralf Keuper

Seit Jahren schon wird in Europa, insbesondere in Deutschland, von verschiedenen Seiten die noch ausbaufähige Gründermentalität beklagt. Als Folge davon drohe Deutschland den Anschluss an die Digitalisierung zu verlieren. 
Die geografische Nähe zu Frankfurt lässt die Errichtung eines Hubs für FinTech-Startups, ähnlich wie in London, fast schon zwingend erscheinen. 

Wie realistisch ist dieses Szenario?

Pro:
  • Frankfurt verfügt als weltweit wichtigster Datenknotenpunkt, mit seinem Flughafen, wie überhaupt der verkehrsgünstigen Lage über beste infrastrukturelle Voraussetzungen.
  • Frankfurt ist die unbestrittene Finanzmetropole Deutschlands und Sitz der Europäischen Zentralbank
  • Das Startup-Ökosystem für FinTech-Startups in Frankfurt und Umgebung hat sich in den letzten anderthalb Jahren deutlich weiter entwickelt und schließt langsam zu Berlin auf. Ähnlich verhält sich übrigens in München
  • Mit der Goethe-Universität und weiteren Einrichtungen, wie der Frankfurt School of Finance, bietet Frankfurt ein inspirierendes Umfeld für Forscher und angehende Startup-Unternehmer
  • Die Zahl der Veranstaltungen mit FinTech-Bezug haben deutlich zugenommen. Erwähnenswert in dem Zusammenhang ist das einmal monatlich stattfindende Event "Beetween the towers"
  • Mit dem Mainincubator der Commerzbank verfügt die FinTech-Szene in Frankfurt über einen Leuchtturm 
  • Kapital ist in und um Frankfurt reichlich vorhanden
Contra:
  • In der Stadt wie überhaupt im Großraum Frankfurt fehlt es an einer Strategie, einem Konzept von Seiten der Finanzindustrie und der Politik für die Verwirklichung eines Silicon Valley of Europe.
  • Im Gegensatz zu London bzw. Großbritannien hat die Politik hierzulande die Schlüsselstellung der Finanztechnologie für eine moderne Volkswirtschaft noch nicht voll erkannt. 
  • Ein Silicon Valley of Europe, so schön die Idee auch ist, lässt sich nicht allein per Konsens, Beschluss und mit Kapital verwirklichen. Das zeigt das "Original" in Kalifornien. Es ist viel vom Zufall und von wenigen Personen abhängig. Der Zeitpunkt, die Konstellation ist entscheidend. 
  • Fraglich ist weiterhin, ob die Idee eines Silicon Valley of Europe mit dem deutschen bzw. kontinentaleuropäischen Wirtschafts- und Bankstil kompatibel ist.
Vorläufiges Fazit:

So bestechend der Gedanke eines Silicon Valley of Europe auch ist: Die Fragezeichen überwiegen derzeit. Der Versuch, die Rezepte anderer Länder zu übernehmen, war nur selten von Erfolg gekrönt. Bei aller Angleichung der Lebensverhältnisse in den modernen Volkswirtschaften, gibt es weiterhin kulturelle Unterschiede, die nicht ohne weiteres überwunden werden können - und häufig auch gar nicht überwunden werden müssen. 
Andererseits ist kaum noch zu übersehen, dass Deutschland dabei ist, auf dem Gebiet der Finanztechnologien, wie überhaupt auf dem Feld der Digitalisierung, den Anschluss zu verlieren. Es wird sich zeigen müssen, ob die bisher so erfolgreiche deutsche Strategie der Verfeinerung/Anwendung technologischer Innovationen, die aus anderen Ländern stammen, sich so fortsetzen lässt.

Vielleicht ist Deutschland, allein schon seines föderalen Aufbaus wegen, für einen zentralistischen Ansatz ungeeignet. Indes - selbst in den USA existieren neben dem Silicon Valey auch andere dynamische Startup-Ökosysteme, wie in New York, Massachusetts, dem Mittleren Westen, Austin (Texas), Seattle oder Michigan. Und auch in Großbritannien wird Leeds als weiterer Standort für FinTech-Startups aufgebaut. New York und der Mittlere Westen sind derzeit dabei, dem Silicon Valley den Rang als bevorzugter Standort für FinTech-Startups abzulaufen. 

Sicher: Die Voraussetzungen für ein "Silicon Valley", insbesondere für FinTech-Startups, sind in Frankfurt auf den ersten Blick ausgesprochen günstig. Ob das aber ausreicht, um eine ähnliche Bedeutung wie das kalifornische Vorbild oder London zu bekommen, ist nach Stand der Dinge eher unwahrscheinlich. Dafür fehlen noch einige wichtige "Zutaten". 

Schaun mer mal.

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