Sonntag, 8. März 2015

Der blinde Fleck in der Intelligenz der Banken (Fernsehinterview mit Dirk Baecker)

Von Ralf Keuper

In einem Fernsehinterview mit Alexander Kluge liefert Dirk Baecker eine systemtheoretische Sicht auf die Banken und ihre Funktion in der Wirtschaft. Im Vordergrund steht dabei die Finanzkrise von 2007/2008. Erwähnt wird auch der Fall Lehman. 



Während seiner Arbeiten zu seinem Buch Womit handeln Banken? stellte Baecker zu seiner eigenen wie auch zur Überraschung seines Mentors Niklas Luhmann fest, dass die Banker in Gesprächen lieber von Sicherheiten als von Risiken sprachen. Statt sich also als Risikohändler bzw. Risikoverarbeiter zu interpretieren, verlegten die Banker den Kern ihres Geschäfts in den Bereich Sicherheiten. Baecker erkennt darin eine semantische Falle, die zur strukturellen Falle wird, d.h. die Bank verliert den Blick auf die eigene Intelligenz und ihre Fähigkeit, mit Risiken, und weniger mit Sicherheiten, umzugehen. Im Grunde also eine Art Selbsttäuschung. 

Die Blindheit resultiert auch daraus, dass die Begrenztheit der eigenen Intelligenz bei der Entscheidung über einen Kredit, über ein riskantes Geschäft, aus dem Blick gerät. Baecker argumentiert in dem Zusammenhang mit dem Prinzip der Beobachtung zweiter Ordnung, d.h. die Entscheider sehen nicht die Unterscheidung, die sie verwenden. Sie nehmen andere Alternativen und Konstellationen nicht (mehr) wahr. Man könnte hier m.E. auch von Groupthink oder den Gestalteten Umwelten im Sinne von Karl Weick sprechen. 

Die eigentliche Gefahr für die Banken als Folge der Finanzkrise und gravierender Fehlentscheidungen, welche die ganze Volkswirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen können, besteht laut Baecker darin, dass sie ihren Sonderstatus verlieren. Insofern ergibt das Gütesiegel "Systemrelevanz" m.E. durchaus Sinn. 

Jedoch kann das nicht den Eindruck verhindern, dass die Banken in ihrer eigentlichen Funktion, der Risikoverarbeitung, über weite Strecken versagt haben. Das allein wäre indes noch keine ernsthafte Bedrohung für den Sonderstatus der Banken. Erst im Zusammenhang mit den technologischen und sozialen Innovationen der letzten Jahre, ist hier ein neues Bedrohungsszenario entstanden, auf das die Banken bisher keine schlüssige Antwort gefunden haben, und sie m.E. auch nicht finden werden, solange sie an der tradierten Vorstellung einer Bank festhalten. 

Weitere Informationen:

Banken als Risikoverarbeiter

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