Samstag, 21. März 2015

Die Bank als Berater und Vermittler in (nahezu) allen Lebenslagen?

Von Ralf Keuper

Viele Finanzhäuser tun sich schwer, von dem Universalbankmodell alter Prägung Abschied zu nehmen. Das wäre opportun, sofern das Bankgeschäft jetzt und in Zukunft vorrangig über die gewohnten Vertriebs- und Kommunikationskanäle ablaufen würde, d.h. über Filialen und klassisches Online-Banking, vielleicht noch garniert mit einem Auftritt in den sozialen Netzwerken oder einer hauseigenen App.

Lange Zeit führte bei Geldgeschäften kein Weg an den Finanzintermediären vorbei. Als Kapitalsammelstelle und als Fristen- und Risikotransformatoren waren sie, und sich es zum Teil jetzt noch, unersetzlich. Unterdessen schreitet jedoch die Disintermediation im Banking, d.h. das Aufbrechen der Wertschöpfungsketten in ihre diversen Bestandteile, voran. Langsam aber sicher entsteht ein neues Modell einer Bank oder einer bankähnlichen Institution, das in der Lage ist, die einzelnen Teile auf einer höheren bzw. anderen Ebenen wieder zusammenzuführen; seien es Digitale Ökosysteme oder Digitale Plattformen. Durchgängiger Charakterzug, stilprägend ist die Bereitstellung von Bankdienstleistungen zu jeder Zeit und an jedem Ort. Banking als Bestandteil des Alltags. Für die Abwicklung einer Transaktion extra eine Bank aufsuchen zu müssen, sei es physisch oder virtuell, erscheint immer unnötiger, ja schon ärgerlich. Ein vermeidbarer Medienbruch. 

Diesen Trend erkannt hat anscheinend die National Australia Bank (NAB), die Geraldine McBridge als Direktorin für das Digital Banking an Bord geholt hat
Banken müssen, wenn sie auch künftig noch eine maßgebliche Rolle spielen wollen, mehr als bisher an dem Alltag, den Lebensgewohnheiten der Kunden teilnehmen. Eine Blickverschiebung um 180 Grad.

In dem Beitrag NAB director Geraldine McBride defines new banking technology future auf AFR Weekend heisst es dazu u.a.:
The risk for banks that fail to quickly adapt is they become spokes in the digital marketplace, merely utilities providing financial products, while big retailers, or telecommunications companies, or international technology giants like Apple, Google and Facebook take centre stage.
Der Beitrag erwähnt auch das neue Paper von Accenture The Everyday Bank. Darin entwirft Accenture drei Szenarien für das Banking der Zukunft:
This could see banks open three new lines of online business: becoming online advisers, recommending buying suggestions for customers; facilitating access for customers to non-financial services providers; and providing value through the provision of real-time, dynamically-priced offerings.
Hinzufügen würde ich noch die Rolle der Banken als "Hüterin der Daten" der Kunden und als Vermittler, die im Auftrag der Kunden mit den diversen "Datenkraken" und anderen Anbietern im Internet in Verhandlungen tritt.

So neu sind die Gedanken nicht: Schon Jürgen Ponto entwarf vor einigen Jahrzehnten ein ähnliches Szenario wie Accenture. Vor einiger Zeit habe ich selbst die verschiedenen Ansätze/Gedanken in dem Beitrag Die Bank als digitale Plattform - Versuch einer Begriffsklärung zusammengeführt.

Problematisch daran ist nur, dass die Internetkonzerne dieses Modell bereits zu weiten Teilen in die Praxis umgesetzt haben und als Gatekeeper von den Banken kaum noch verdrängt werden können. Die Machtgewichte haben sich verschoben. 

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