Donnerstag, 2. April 2015

Banken als Ergebnis der kulturellen Evolution, oder: Weshalb Darwin nicht weiter hilft

Von Ralf Keuper

Die Evolutionstheorie Darwins wird immer wieder gerne als Erklärungsmuster herangezogen, wenn es darum geht, die Entwicklung einer Wissenschaftsdisziplin oder einer Branche zu deuten. Nur allzu häufig läuft das auf einen Reduktionismus hinaus, wie in der Soziobiologie etwa. Oder etwas flapsig formuliert: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Bestenfalls handelt es sich bei der Übertragung der biologischen Evolutionstheorie auf artfremde Bereiche um Analogien - mehr nicht. Manchmal ist es schlicht Eleganter Unsinn
Bezogen auf Banken bedeutet das: Banken sind Ergebnis der kulturellen, gesellschaftlichen Evolution, die nach anderen Regeln abläuft, als die biologische. Mehr noch: Wie Steven Johnson in Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation schreibt, haben sich die Gesetze der Innovationsgeschwindigkeit in den letzen Jahrzehnten gravierend gewandelt. In der Zeit vor dem Internet galt in der Softwareproduktion die 10/10-Regel, die besagt:
Es dauert zehn Jahre, eine neue Plattform zu entwickeln, und weitere zehn, bis sie ein breites Publikum findet. 
Beispiele: HDTV, DVDs, GPS-Navigationsgeräte

Die neue 1/1-Regel des Internet-Zeitalters dagegen lautet:
Es dauert nur noch ein Jahr, eine neu Plattform zu entwickeln, und ein weiteres, bis sie ein breites Publikum findet. 
Beispiel: YouTube

Das ist eine andere, eine neue Dimension. Wie schnell die Entwicklung läuft, lässt sich derzeit sehr gut an den verschiedenen Initiativen, Kooperationen, Geschäftsmodellen und Technologien sehen, wie sie von Amazon, Apple, Tencent, Baidu, Google, Softbank und weiteren fast schon täglich publik werden. Gemeinsames Ziel ist die Durchdringung aller Branchen mit ihren Daten- und Mediendiensten. Hier handelt es sich nicht um 10Mann Startups, sondern um Konzerne mit mehreren zehntausend Mitarbeitern und einer Finanzkraft und einem Technologie-Know How, das derzeit von keiner anderen Branche auch nur annähernd erreicht wird. Banken, deren Produktion so informations- und technologieintensiv ist, wie die keiner anderen - mit Ausnahme der Medien - , sind von dieser Entwicklung besonders stark betroffen. Anders als viele Banken noch, nehmen die Automobilkonzerne die Bedrohung ihres Geschäftsmodells durch Baidu, Tencent, Google und Apple bereits sehr ernst. Und das, obwohl sie technologisch längst nicht so leicht verletzbar sind, wie die Banken heute schon. 

Insofern überrascht es schon, wie in Sind Banken wie Schildkröten?, zu lesen, dass derzeit keine existenzielle Bedrohung für die Banken in Sicht sei. Übrigens sehen das zahlreiche Banker, nicht nur der Chef der BBVA, ganz anders. 

Es ist nicht nur eine - es sind bereits zahlreiche und täglich kommen neue hinzu. Schildkröten hin oder her ;-)

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