Donnerstag, 21. Mai 2015

Datensouveränität und Big Data Scoring: Wie passt das zusammen?

Von Ralf Keuper

Das Thema Scoring taucht in regelmäßigen Abständen in der öffentlichen Diskussion um den Daten- und Verbraucherschutz auf. Für Gesprächsstoff sorgt derzeit  der Gesetzesvorschlag der Grünen, wonach den Auskunfteien die Berücksichtigung von Daten aus den sozialen Netzwerken für die Bonitätsbewertung untersagt werden soll. Damit befinden sich die Grünen nicht allzu weit entfernt von der Position der Verbraucherschutzminister der Länder, die im Mai vergangen Jahres strengere Regeln und mehr Transparenz beim Scoring forderten.

Niko Härting hat als Antwort auf den Gesetzesvorschlag der Grünen Vier Thesen zur neu entbrannten Scoring-Debatte in den Raum geworfen. Kern seiner Argumentation ist, dass das Thema in den Verbraucherschutz und nicht (mehr) in den Datenschutz gehört. Wenngleich Härting in der Diagnose mit den Grünen weitgehend einig ist, so weicht seine Meinung, was die Therapie angeht, deutlich von der der Grünen ab. Die Überprüfung der Scoring-Verfahren nach mathematisch-wissenschaftlichen Verfahren gehört nach Härting in das Verbraucherschutzgesetz, da es hier in erster Linie um Fragen der Diskriminierung und Benachteiligung gehe. Um ihrer Kontrollfunktion gerecht zu werden, sollten die Behörden personell und technologisch entsprechend ausgerüstet werden, statt gleich vor der Komplexität der Algorithmen zu kapitulieren und reflexartig zu Verboten zu greifen. Das sei Ausdruck von Technologiefeindlichkeit.

Für Härting handelt es sich, wie schon gesagt, vorrangig um Fragen des Verbraucher- und weniger bis gar nicht des Datenschutzes. Das Recht auf Informationelle Selbstbestimmung würde hier seiner Ansicht nach nicht greifen.

Das kann man so sehen - muss man aber nicht. Das Recht auf Informationelle Selbstbestimmung besagt, dass personenbezogene Daten nur mit Zustimmung der Nutzer bzw. Bürger weiter verwendet werden dürfen. Das ist im Bereich Big Data Scoring nur sehr bedingt der Fall. Erinnert sei an die Welle der Empörung, die ausbrach, als bekannt wurde, dass das Hasso-Plattner-Institut und die Schufa ein Projekt für Bonitätsbewertung auf Basis der Profildaten auf Facebook planten.

Schon heute können für die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Personen Daten aus dem Netz herangezogen werden. Mittels ausgefeilter Algorithmen, die auf den sog. Big Data-Technologien (Machine Learning, Deep Learning) basieren, können die verschiedenen Merkmale bzw. Datenpunkte (Geräte-, Web-, Nutzungs-, finanzielle, geografische und Social Media-Daten), die die Nutzer im Netz hinterlassen, zu einem Profil zusammengesetzt werden. Gemeinsam werden diese Verfahren unter dem bereits erwähnten Begriff "Big Data Scoring" zusammengefasst. Selbst die Bedienung der Tastatur durch den Nutzer wird von einigen Anbietern, wie Big Data Scoring aus Estland, die nicht in Deutschland aktiv sind, für die Bewertung herangezogen. Weiter Anbieter mit ähnlichen Verfahren, die aber ebenfalls nicht in Deutschland tätig sind, wären Kreditech und Affirm. Der Anwender hat also nicht nur keinen Einblick in die Algorithmen, sondern auch nicht in die Anzahl der Merkmale und Daten, die in die Bewertung eingehen. Das ist sehr wohl eine Frage des Datenschutzes und der Informationellen Selbstbestimmung. Auch sonst stehen die Big Data Scoring - Unternehmen selbst in ihnen wohlgesonnenen Kreisen zunehmend in der Kritik, wie Affirm unlängst auf Venturebeat.

Charme hat dagegen der Vorschlag von Härting, eine neutrale Instanz, einen TÜV für die Bewertung von Algorithmen einzurichten. Das deckt sich mit den Forderungen des DAE, wie sie u.a. in dem DAE-Leitbild festgehalten sind. Erst kürzlich hat DAE-Sprecher Alfred Fuhr diesen Punkt in einem Interview mit dem IT-Finanzmagazin angesprochen. Ebenso könnte man über die Einrichtung von Treuhandstellen für Algorithmen nachdenken, wie sie von Yvonne Hofstetter in die Diskussion gebracht wurden.

Diese Rolle könnten staatliche aber auch private Institutionen übernehmen. Zu letzteren gehören z.B. Banken - oder Internetclubs, die sich für die Einführung der Diskretion und der Datensouveränität im Netz stark machen ;-)

In ihrer jetzigen Form passen Datensouveränität und Big Data Scoring nicht zusammen. Aber was nicht ist kann, unter den richtigen Voraussetzungen, noch werden.


Hinweis: Ich bin Gründungsmitglied des DAE

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