Mittwoch, 24. Juni 2015

Algo Banking und Privatsphäre: Unvereinbare Gegensätze?

Von Ralf Keuper

Erst gestern hatte ich mich an dieser Stelle kritisch mit dem Geschäftsmodell des Algo Banking auseinandergesetzt. Darin kamen u.a. die Themen Datenschutz und Privatsphäre zur Sprache. 

Ebenfalls gestern stellte das Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie die Studie Chancen durch Big Data und die Frage des Privatsphärenschutzes vor. Großen Raum nahm dabei das Thema Scoring, insbesondere Kredit Scoring, ein. Die Mehrheit der befragten Teilnehmer der Studie stehen dem Kredit Scoring ablehnend gegenüber:
Am Thementisch »Scoring bei Banken und Versicherungen« wurde das Schwerpunktthema dieses Dokuments behandelt (siehe Abschnitt 1.7 und Kapitel 4). Hier waren die Teilnehmer sowohl bei den als kritisch angesehenen Aspekten als auch bei den Chancen durch Scoring einer Meinung: Generelles Bedenken wurde hinsichtlich der Intransparenz von KreditScoring geäußert. So sei für den Bürger nicht nachvollziehbar, wie und auf welcher Grundlage der erzielte Score zustande kommt. Ebenfalls ausdrücklich unzufrieden waren die Teilnehmer mit der Undurchsichtigkeit und der daraus empfundenen Machtlosigkeit darüber, wer persönliche Daten erhebt bzw. wer dazu befugt ist. 
Weitere Einwände:
Sowohl ethisch als auch sozial bedenklich sei, dass von Daten vieler Beobachtungen pauschal auf alle Menschen geschlossen werde, womit die Gefahr bestünde, Minderheiten zu benachteiligen. Dem entgegen stehe jedoch, dass Bankberater Kredite basierend auf ermittelten Scores bewilligen können, anstatt subjektive Entscheidungen z.B. aufgrund des äußeren Erscheinungsbilds der Antragsteller zu fällen. Als positive Folge sahen die Teilnehmer die Möglichkeit, durch Zahlungsunfähigkeit der Bürger hervorgerufene Krisen im Voraus zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Ein weiterer positiver Aspekt von Scoring sei, dass präzisere Einschätzungen von Risiken zu günstigeren Angebote führen können. Es wurde diskutiert, dass je mehr Daten für die Erstellung des Angebots hinzugerufen würden, desto fairer das individuell angepasste Angebot ausfiele 
Als besonders vertrauenswürdig im Umgang mit sensiblen Daten schätzen die Befragten Forschung/Wissenschaft ein, gefolgt - mit einigem Abstand - von der Gesundheitsbrache. Abgeschlagen dagegen die Finanz- und Versicherungsbranche. Dahinter rangieren nur noch die Internetkonzerne:
Eine Reihe von Nutzern von Big-Data-Methoden und -Technologien stellt nach Meinung der Befragten eine Bedrohung für die Privatsphäre der Bürger dar (siehe Abbildung 23). Dabei sind »multinationale Internetunternehmen und Softwarehersteller« die Spitzenreiter. Nur jeder zehnte der Teilnehmer sieht in ihnen demnach keine Gefahr für die Privatsphäre. Auch gegen- über ausländischen und deutschen Geheimdiensten herrscht ein ausgeprägtes Misstrauen. Selbst dem Staat misstraut mehr als die Hälfte der Teilnehmer. Weitere genannte Gefährder waren Versicherungen, die Werbebranche, Banken und die organisierte Kriminalität. Oft wurde hier auch ein allgemeines Misstrauen in Unternehmen ausgesprochen. Nur eine deutliche Minderheit sieht keine Gefährdung der Privatsphäre durch Nutzer von Big Data. 
Das sind nicht wirklich schmeichelhafte Vergleiche ;-)

Insgesamt zeigt sich, dass das Thema Big Data für die Banken ein zweischneidiges Schwert ist. Der Versuch, auf diesem Feld mit den Internetkonzernen gleich ziehen zu wollen, wird zu Lasten der Vertrauenswürdigkeit gehen, was für die Banken schwerwiegendere Konsequenzen hat als für Google & Co. 
Wenn bei den Kunden der Eindruck entsteht, ihre Privatsphäre werde bei den Banken nicht ausreichend geschützt, dann besteht eigentlich kein Grund mehr, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. 

Die Chancen, die sich durch die Betonung des Datenschutzes als Differenzierungsmerkmal ergeben, erkannt, hat - wieder einmal - Apple. Wie u.a. die Netzpiloten berichten, beabsichtigt Apple die Datenschutz-Bastion im Internet zu werden. Es sei hier dahin gestellt, wie ernst diese Ankündigung zu nehmen ist; jedoch zeigt sie, dass die Banken sich werden entscheiden müssen, welche Rolle sie hier einnehmen wollen. Alles zugleich wird nicht funktionieren.

Der Einsatz von Big Data wird, so die Autoren der Studie, nur dann funktionieren, wenn die datenschutzrechtlichen Bestimmungen und der Schutz der Privatsphäre Priorität haben:
Eine allgemeine Akzeptanz ist nur zu erreichen, indem man Big Data mit einem effektiven Datenschutz vereinbart. 
Weitere Informationen:

Datenfairness: Chancen durch Big Data und die Frage des Privatsphärenschutzes

Über die Macht der Algorithmen im Banking

Big Brother in der Kundenberatung?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen