Donnerstag, 11. Juni 2015

Von Aktienanalysen und Wettervorhersagen

Von Ralf Keuper

Wohl nur wenige Berufsstände können auf eine vergleichbare Fehlertoleranz beim Publikum vertrauen, wie Aktienanalysten und Metereologen. Was heute noch laut "Kopf-Schulter-Formation" auf den Aktienmärkten ein langfristiger Trend war, kann morgen schon von einem "ungeahnten" oder "überraschenden" Höhenflug oder von dessen Gegenteil durchkreuzt werden. Getreu dem Motto: Shit happens!
Doch wie sehr auch die Prognosen auf mittlere und längere Sicht daneben liegen, die Analysten können darauf setzen, dass das Publikum auch morgen wieder an ihren Lippen hängt, um vom Nektar der Erkenntnis kosten zu dürfen. 

Der legendäre Investor Warren Buffett fühlt sich mit Blick auf die diversen Techniken zur Einschätzung der langfristigen Wertentwicklung börsennotierter Unternehmen an "Marktesoterik" erinnert, wie er in einem seiner Investorenbriefe schreibt:
Ihr (gemeint institutionelle Anleger und Akademiker) Interesse an solchen Dingen (effiziente Märkte, dynamisches Hedging und Beta-Faktoren) ist verständlich, denn geheimnisumwitterte Techniken haben ganz klar einen Wert für die Lieferanten von Investitionsratschlägen. Welcher Medizinmann ist schließlich jemals mit dem einfachen Rat "Nimm zwei Aspirin" reich und berühmt geworden?

Der Wert solcher Marktesoterik für diejenigen, an die die Investitionsratschläge gerichtet sind, steht auf einem anderen Blatt. Meiner Meinung nach kann man Investitionserfolg nicht durch geheimnisvolle Formeln, Computerprogramme oder Signale aus dem Kursverhalten von Aktien und Märkten erreichen. Ein Investor wird eher erfolgreich sein, wenn er ein gutes wirtschaftliches Urteilsvermögen mit der Fähigkeit paart, seine Gedanken und sein Verhalten gegen die höchst ansteckenden Stimmungen, die auf dem Marktplatz umherschwimmen, zu immunisieren (Quelle: Die Essays von Warren Buffett - Das Buch für Investoren). 
Nicht viel anders verhält es sich mit den Prognosen der Metereologen, in gewisser Weise die modernen Medzinmänner bzw. Seher. Obwohl es noch immer hoch spekulativ ist, das Wetter für mehr als drei Tage vorherzusagen, können viele Metereologen oder solche, die sich dafür halten, nur schwer der Versuchung widerstehen, das Wetter für die komplette Woche zu prognostizieren. Schnell ist auch der Grund dafür zur Hand, dass sich nicht die 35 Grad im Schatten bei strahlendem Sonnenschein, sondern 20 Grad mit Nieselregen eingestellt haben. Für gewöhnlich war es irgendein Tiefausläufer, der plötzlich und unerwartet, wie aus dem Nichts, auftauchte und die Berechnungen über den Haufen warf. 

Das konnte doch keiner vorhersehen! 

Ach, wirklich ... 

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