Freitag, 31. Juli 2015

Banken vs. FinTech-Startups? Warum die Frage an dem eigentlichen Problem komplett vorbei geht

Von Ralf Keuper

Diskussionen, insbesondere dann, wenn sie bei einem größeren Publikum Gehör finden wollen, leben von Stereotypen und Schwarz-Weiß-Malerei. Die Streitfrage Banken vs. FinTech-Startups ist hier keine Ausnahme. 

Dabei wird gerne der Eindruck erweckt, als würden sich hier zwei unterschiedliche Welten begegnen, die, mit Ausnahme der Zielgruppe, über keinerlei Gemeinsamkeiten verfügen. Das ist grober Unfug.

Die Abhängigkeit der FinTech-Startups von den Banken, vor allem von ihrer Infrastruktur, ist weitaus größer als viele vielleicht noch immer annehmen. Ohne diese strukturellen Voraussetzungen wären die meisten FinTech-Startups chancenlos. Das Marktumfeld ist längst bestellt, weshalb man sich als FinTech-Startup auf die Filetstücke konzentrieren kann. Ein Punkt, auf den man hin und wieder hinweisen sollte. Daraus folgt keineswegs, dass die FinTech-Startups keine Berechtigung haben - die haben sie sehr wohl. Ihre Existenz erklärt sich vor allem daraus, dass die Banken es über die Jahre versäumt haben, auf die veränderten Kundenbedürfnisse zu reagieren. Die FinTech-Startups, zumindest viele von ihnen, haben das erkannt und nutzen ihre Chance - in einer funktionierenden Marktwirtschaft kann es auch nicht anders sein. Ob es sich dabei jetzt gleich um die "kreative Zerstörung" handelt, von der Schumpeter sprach, sein dahin gestellt. 

Dennoch birgt die Zuspitzung des Konflikts auf das, m.E. künstliche, Gegensatzpaar Bank - FinTech-Startup enorme Risiken - und zwar für beide Seiten. 

In den Banken und in weiten der Medien ist der Eindruck entstanden, als würde es genügen, mit den FinTech-Startups Kooperationen einzugehen oder einige zu übernehmen, um danach wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen zu können. Nicht wenige FinTech-Startups unterstützen die Banken in dieser Sicht. 

Auf diese Weise begeben sich beide Seiten in das von Clayton Christensen in die Diskussion gebrachte Innovator's Dilemma. Banken ebenso wie FinTech-Startups bewegen sich in denselben Value networks, die Christensen für eine der größten Gefahren einstmals innovativer Unternehmen bzw. Branchen hält:
The concept of the value network - the context within which a firm identifies and responds to customers, and strives for profit - is central .. . Within a value network, each firm's competitive strategy, and particularly its past choices of markets, determines its perceptions of the economic value of a new technology. These perceptions, in turn, shape the rewards different firms expect to obtain through pursuit of sustaining and disrupting innovations. In established firms, expected reward, in turn, drive the allocation of resources toward sustaining innovations and away from disruptive ones. (in: The Innovator's Dilemma)
Bei allen Unterschieden in den Geschäftsmodellen teilen sowohl Banken wie auch FinTech-Startups zahlreiche Annahmen. Der Kunde erwartet eine bruchlose Kommunikation mit seiner Bank über eine App, die den höchsten Design-Standards entspricht, damit er während seiner Customer Journey die virtuellen Räumlichkeiten der Bank oder des FinTech-Unternehmen nicht (vorzeitig) verlässt.

Um die Aufmerksamkeit der Kunden in Finanzfragen konkurrieren jedoch nicht nur Banken und FinTech-Startups, sondern auch E-Commerce-Plattformen, soziale Netzwerke und Messaging-Dienste, Medienunternehmen bis hin zur Industrie, man denke nur an die Absatz- und Leasingfinanzierer. 

Kurzum: Der Kreis wird mit der Fixierung auf Banken - FinTech-Startups viel zu eng gezogen. Die eigentliche Bedrohung liegt außerhalb der eigenen "gestalteten Umwelten" (Karl Weick). 

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