Donnerstag, 16. Juli 2015

Fintechs: Weshalb die erhoffte Disruption des Bankwesens lange brauchen wird

Von Ralf Keuper

Nachdem von vielen Seiten die Erwartungen genährt wurden, dass die FinTech-Startups den Banken das Fürchten lehren werden, kehrt nun langsam Ernüchterung ein. Eine etablierte Industrie quasi über Nacht mit einer coolen App und unverwechselbarer Customer Experience mal eben zu disrupten ist wohl doch schwieriger als gedacht. So jedenfalls der Tenor einer Veranstaltung im Rahmen der Tech  Open Air in Berlin, von der Gründerszene in  „Es darf keine Fuck-ups geben“ berichtet. 

Die Umwandlung einer Industrie geschieht nicht allein über die anwenderfreundlichste Technologie. Über kurz oder lang können nur wenige Unternehmen das Gesicht einer Branche verändern. Es braucht enorme finanzielle Mittel und personelle Kapazitäten, um einen Standard oder ein neues Geschäftsmodell durchsetzen und erfolgreich betreiben zu können. Diese Voraussetzungen erfüllen derzeit nur die aller wenigsten FinTech-Startups. Anders sieht es dagegen bei den großen Playern, wie PayPal, Amazon, Google, Alibaba, SoftBank, facebook & co. aus. Die, wenn man so will, derzeit wichtigste Kampflinie verläuft entlang der Mobile und Online Payments. Wenn man die Branche verändern will, dann von hier aus. Das ist die strategische Position, die man besetzen und verteidigen muss, wenn man die Finanzbranche erobern will. Schon jetzt haben wir ein Überangebot an FinTech-Startups in dem Bereich - auch in Deutschland. In anderen Segmenten ist es nicht viel anders. 

Die Regeln der Volks- und Betriebswirtschaft sowie die Erfahrungen aus der Wirtschaftsgeschichte werden auch durch die Startups nicht außer Kraft gesetzt. Ein Massenmarkt, wie die Finanzbranche, kann auf Dauer nur wenige große Anbieter ernähren, die in der Lage sind die riesigen Investitionen für die Infrastruktur, Logistik und Produktion aufzubringen. Insofern bewahrheitet sich, was Dan Breznitz vor einiger Zeit geschrieben hat: Startups are a great start, but not the goal. Breznitz begründet seine Skepsis u.a. am Beispiel der Automobilindustrie: 
The platform technologies for cars were stabilised enough that it was technically and financially feasible to open a tech startup, literally in one’s garage. Within a few decades, however, the platform and industry moved on, to the point where you need many millions of dollars and hundreds of engineers to open a globally competitive startup.
Den kritischen Zeitpunkt, den Wendepunkt, von dem Breznitz spricht, haben wir auch im Bereich Fintech bereits erreicht. 

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