Donnerstag, 2. Juli 2015

Startups als soziologisches Feld - Bourdieu reloaded

Von Ralf Keuper

Dass es auch in Startups nicht wie auf einem Ponyhof zugeht und auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ist an sich keine neue Erkenntnis. So sehr kann sich keine Gruppe aus dem Ganzen auskoppeln, als dass sie die Regeln ihres Handelns völlig frei bestimmen könnte. Das Rechts-, das Wirtschafts-, das Bildungs- und das Wissenschaftssystem eines Landes setzen diesen Bestrebungen Grenzen. 

Innerhalb dieser Grenzen bzw. Rahmenbedingungen besteht durchaus die Möglichkeit, etwas Neues hervorzubringen, seien es technologische oder soziale Innovationen. Die Chancen der meisten Startups rühren daher, dass die großen Unternehmen und Organisationen zu träge geworden sind, um auf die Veränderungen in der Umwelt mit entsprechenden Services und Produkten zu antworten.

Was dagegen bisher, so jedenfalls mein Eindruck, noch nicht ausreichend beleuchtet wurde, ist die "Spezies" der Startups und ihrer Gründer wie auch Mitarbeiter als solcher. Haben wir es hier mit einer neuen Klasse zu tun, und wenn ja, wodurch zeichnet sie sich aus? Welcher Habitus ist vorherrschend?

Damit wären wir bei dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der sich in seinen Forschungen intensiv mit Fragen des Habitus, des symbolischen Kapitals und des sozialen Feldes beschäftig hat. In Sozialer Sinn - Kritik der theoretischen Vernunft schreibt er:
Die Konditionierungen, die mit einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen verknüpft sind, erzeugen Habitusformen als Systeme dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, als strukturierte Strukturen, die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d.h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepasst sein können, ohne jedoch bewusstes Streben von Zwecken und ausdrückliche Beherrschung der zu deren Erreichung erforderlichen Operationen vorauszusetzen, die objektiv "geregelt" und "regelmäßig" sind, ohne irgendwie das Ergebnis einer Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein.
Übersetzt in die Alltagssprache bedeutet das (für mich), dass Gründer und Mitarbeiter von Startups eine Verhaltensnorm (Habitus) entwickeln und dementsprechend denken und handeln, ohne dass sie durch äußere Maßnahmen oder Normen permanent dazu angehalten werden müssten. Der Wunsch und der Glaube, etwas Neues gegen den Widerstand der Etablierten zu schaffen, das obendrein gesellschaftlich sinnvoll ist und ökonomischen Nutzen stiftet, sorgt für das entsprechende "Feld", den nötigen Habitus, die richtige Stimmung, den Spirit.
So unterschiedlich die Biografien, die Branchen und die Finanzierungen auch sein mögen, ein bestimmter Habitus ist für alle charakteristisch. 

Das kann u.a. zu dem führen, was die Beiträge Startup Narcissism und Startup entrepreneurs are 'arrogant and psychopathic' thematisieren. Vor allem der erstgenannte Beitrag fährt schweres Geschütz auf und lässt kaum ein gutes Haar an der Szene.

Frei von Narzissmus und Überheblichkeit waren auch die Gründer des 19. Jhd. und der Nachkriegszeit gewiss nicht. Insofern gilt es hier mit Augenmaß zu urteilen. Eine gewisse Dosis Selbstüberschätzung gehört vielleicht auch dazu, sonst braucht man wohl erst gar nicht beginnen. Die Realität holt einen für gewöhnlich früh genug ein. 

Die interessantere Frage ist, ob sich Funktion des Unternehmers und die Rolle des Managements in den letzten Jahren tatsächlich so grundlegend gewandelt haben, dass wir mit Blick auf Startups von einem neuen "Feld" sprechen können.

Oder gilt noch immer, was Peter F. Drucker in seinem Klassiker Die Praxis des Managements geschrieben hat:
Wenn wir wissen wollen, was ein Unternehmen ist, dann müssen wir als erstes nach seinem Zweck fragen. Und dieser Zweck muss außerhalb desselben, er muss in der Gesellschaft liegen, da das Unternehmen ja ein Organ der Gesellschaft ist. Es gibt aber nur eine einzige richtige Definition des Unternehmenszweckes, nämlich die "Schaffung von Absatzmärkten". 

Märkte sind nicht von Gott gegeben, nicht von der Natur und auch nicht von irgendwelchen wirtschaftlichen Kräften geschaffen, sondern es ist der Unternehmer, der sie schafft. ...

Vielleicht war überhaupt noch kein Bedürfnis vorhanden, bis es vom Unternehmer geweckt wurde - durch Werbung, durch Vertreter, durch Erfindung von etwas Neuem. In jedem Falle ist es das unternehmerische Handeln, das den Kunden schafft. ...

Was der Kunde zu kaufen gedenkt, was ihm "wertvoll" erscheint, ist entscheidend - davon hängt ab, was ein Unternehmen ist, was es produziert und ob es gedeiht. 
Klingt eigentlich noch immer modern. 

Kommentare:

  1. Vielen Dank für den spannenden Beitrag!
    Was gilt Ihrer Meinung nach als symbolisches Kapital im Feld der Startup-Gründer?
    Ich glaube nämlich schon, dass man von einem Feld sprechen kann, schließlich variiert die Bedeutung von bestimmten Kapitalien (vor allem kulturellem Kapital) ja doch erheblich zwischen Startups und der sogenannten 'old economy' - meiner Meinung nach.

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  2. Leider habe ich den Kommentar jetzt erst gelesen. Daher die reichlich verspätete Antwort. Als symbolisches Kapital würde ich im Zusammenhang mit Startups die Kontakte und Netzwerke zählen, welche die Gründer während des Studiums knüpfen. Das gilt in besondere Weise für die Unis, die als Startup-Schmieden bekannt sind, wie WHU, European Business School Oestrich-Winkel oder das KIT.

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