Montag, 17. August 2015

Banken als Clearingstelle der Wirtschaft: Es war einmal ...

Von Ralf Keuper

Die Hauptaufgabe der Banken ist die Beobachtung des Wirtschaftskreislaufs. Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung in der Wirtschaft und ihrer Beobachtungsgabe können die Banken - im Idealfall - die Risiken in der Wirtschaft minimieren, u.a. indem sie für die nötige Fristentransformation (Einlagen gegen Kredit) sorgen. Diese Tätigkeit, die laut Luhmann in ihrem Kern aus dem Handeln mit Zahlungsversprechen besteht, lassen sich die Banken gut bezahlen:
Vor allem aber lassen sich Banken Geld geben gegen das Versprechen, es künftig zurückzuzahlen, und nutzen dann ihrerseits die Zeitspanne aus, um Geld auszuleihen, das heißt: ihrerseits Zahlungsversprechen zu erwerben. Banken handeln also mit Zahlungsversprechen. Falls dabei eigene Liquiditätsprobleme auftreten, können sie ihre Zahlungsfähigkeit in gewissen Grenzen am Interbankenmarkt auffrischen. (in: Soziologie des Risikos)
Die Banker bevorzugen statt des Begriffs Risiko den der Sicherheiten, was, nach dem Soziologen und Luhmann-Schüler Dirk Baecker, zu blinden Flecken in der Wahrnehmung führt, wie sie in der Finanzkrise offen zutage traten.

Kann es sein, dass die Banken ihrer Funktion als Clearingstelle der Wirtschaft, als oberster Beobachtungsinstanz, auch deshalb nicht mehr wie gewohnt nachkommen können, da ihnen die Informationen dazu fehlen?

Vieles spricht dafür, dass dem so ist.

Noch in den 1970er Jahren konnte Jürgen Ponto mit einigem Optimismus in die Zukunft der Banken blicken. Sofern sie sich ihrer Stärken bewusst seien und einige mutige Schritte unternehmen würden, könnten sie ihre Stellung als Drehscheibe und Clearingstelle der Wirtschaft behaupten und ausbauen:
Vor allem aber: Je verzweigter die Aktivitäten des einzelnen Unternehmens werden, je mehr rechtliche Bestimmungen und ökonomische Fakten im In- und Ausland zu beachten sind, desto weniger wird ein Unternehmen beim Betreten von Neuland an eigene Erfahrungen anknüpfen können. Hier haben die Banken neue Beratungsfunktionen zu übernehmen. Keineswegs braucht dabei nur auf das zurückgegriffen werden, was bei den Banken aus den weitverzweigten Geschäftsverbindungen fast von selbst in Haus kommt. Dieser gewissermaßen passive, wenngleich schon für sich ungemein nützliche Erfahrungsschatz wird vielmehr künftig verstärkt und aktiv durch eigene Marktstudien, Rechtsvergleiche und anderes mehr angereichert werden müssen. Dabei ist zwangsläufig auch auf außenstehende Institutionen, auf spezialisierte Zulieferer, zurückzugreifen. Die Banken werden zunehmend die Rolle einer Clearingstelle und Drehscheibe eines auf die praktischen Bedürfnisse der Wirtschaft abgestellten Beratungs- und Informationsflusses zu übernehmen haben. ... (in: Mut zur Freiheit)
Heute wissen wir, dass die Banken diese Chance verspielt haben. 

Irgendwie hat man in den Banken irgendwann den Anschluss verpasst. Heute weiten die Digitalen Ökosysteme wie Apple, Amazon, Alibaba und Samsung ihren Macht- und Einflussbereich aus. Neben Logistik bieten sie die nötige Hardware, Software, Content und online-Zahlungsverfahren bis hin zur (Zwischen-) Finanzierung an. Die Daten, die ihnen auf ihren Plattformen wie von selbst zufallen, können sie wiederum dafür verwenden, ihre Angebote auszudehnen und neue Geschäftsmodelle zu implementieren; Daten, zu denen die Banken keinen Zugang mehr haben. Stattdessen hört man noch immer das Mantra, die Banken würden über einen enormen Schatz an Daten verfügen, den sie nur noch mittels Big Data zu heben bräuchten. Das ist nicht einmal mehr die halbe Miete. (Eigenzitat).

Der Informationsvorsprung, den die Banken über Jahrzehnte für sich beanspruchen konnten, ist unwiederbringlich dahin. Selbst wenn Google, Amazon oder Alibaba eines Tages von der Bildfläche verschwinden sollten, ändert das nichts mehr an der neuen Branchenstruktur, in der digitale Ökosysteme den Ton angeben. Sie verfügen über die aggregierte Sicht auf den Wirtschaftskreislauf, die früher die Banken hatten. Die Banken haben nur noch eine aggregierte Sicht auf die reinen Transaktionsdaten, d.h. sie sehen nicht die darüber liegende Informationsschicht aus E-Commerce, Logistik, Entertainment, E-Health, Connected Cars, Internet of Things usw. . Bildlich gesprochen: Die Banken fahren auf Sicht. Oder anders: Die Banken gehen induktiv, die digitalen Ökosysteme deduktiv vor. 

Insofern erscheint auch die Finanzkrise von 2007/2008 in einem anderen Licht: Schon damals fehlte den Banken die Übersicht. Das Risikomanagement versagte auf ganzer Linie. An den Defiziten hat sich bis heute nichts geändert - im Gegenteil, der Informationsnachteil, der Funktionsverlust der Banken hat noch zugenommen. Um ihr Geschäft profitabel betreiben zu können, müssen die Banken, sofern sie an ihrem Geschäftsmodell und ihrer Kultur festhalten, über kurz oder lang ins hohe Risiko bzw. in vermeintliche Sicherheiten gehen, was umso unkalkulierbarer wird, je mehr Informationen fehlen, um die Tragweite ihrer Entscheidungen abschätzen zu können. 

Was die Informations- und Risikoverarbeitung der Wirtschaft angeht, sind die Banken jedenfalls schon jetzt nicht mehr systemrelevant. Darüber hinaus haben sie ihre Digitale Souveränität verloren

Wie sehr sich die Banken noch immer weigern, die neue Realität anzuerkennen, zeigt u.a. Die verbandspolitische Herausforderung des Digital Banking

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