Donnerstag, 6. August 2015

Die Legitimitätskrise der Banken

Von Ralf Keuper

Seit Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 stehen die Banken unter Rechtfertigungsdruck, was ihre gesellschaftliche Funktion angeht. Immer mehr Menschen fällt es schwer, den Nutzen für das Ganze zu erkennen, der von den Banken ausgeht. Seit Jahren fordern Beobachter einen drastischen Kurs- und Kulturwechsel, wie aktuell Claus Hulverscheidt in Was Banken für neue Legitimität tun müssen. Ein Geschäftsmodell, das in seinem Kern darauf beruhe, Gewinne zu privatisieren, Verluste zu sozialisieren, widerspreche den Prinzipien einer funktionierenden (sozialen) Marktwirtschaft. Nur wenige sehen die Rolle der Banken von einer platonischen Meta-Meta-Ebene so entspannt, wie der Historiker Michael Wolffsohn in seinem Kommentar Ein Loblied auf die Banken

Die Frage der Legitimität von Institutionen kommt immer dann auf, wenn der "Gewissheitscharakter" ins Wanken gerät, wie Peter Berger und Thomas Luckmann feststellen:
Das Problem der Legitimation entsteht unweigerlich erst dann, wenn die Vergegenständlichung einer institutionalen Ordnung einer neuen Generation vermittelt werden muss. Zu diesem Zeitpunkt kann .. der Gewissheitscharakter der Institutionen nicht länger mehr mittels Erinnerung und Habitualisierung aufrechterhalten werden. .. Um sie wiederherzustellen .. muss man zu Erklärungen und Rechtfertigungen in den Augen springender Elemente der institutionellen Überlieferung übergehen. Legitimierung ist der Prozess dieses Erklärens und Rechtfertigens. (in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit)
Zweifel an der Legitimität traditioneller Institutionen sind normal und können auf lange Sicht ihren Status nicht gefährden. Keine Finanzkrise, kein noch so großer Finanz-und Devisenskandal, auch zig tausende ausstehender Prozesse wegen verschiedener Delikte können die Rolle der Banken nicht gefährden, solange keine Alternativen sichtbar sind.

Finanzkrisen, selbst Kriege haben den Banken bis heute nicht viel anhaben können. Auch eine Vertrauenskrise, und sei sie noch so schwerwiegend, ist noch keine existenzbedrohende Gefahr.
Brisant wird es erst dann, wenn Alternativen zur Verfügung stehen, deren symbolische Sinnwelt, deren Funktion besser zur Gesellschaft passen:
Das Auftauchen einer alternativen symbolischen Sinnwelt ist eine Gefahr, weil ihr bloßes Vorhandensein empirisch demonstriert, dass die eigene Sinnwelt nicht wirklich zwingend ist. (Berger/Luckmann)
Denn:
Weil Sinnwelten historische Produkte der Aktivität von Menschen sind, verändern sie sich. (ebd.)
Auch der Beitrag in der SZ erkennt erste Abwanderungsbewegungen der jüngeren Generation hin zu den Alternativen wie PayPal, Giropay (?) und Lending Club. Ob diese Entwicklung gesamtwirtschaftlich zu begrüßen ist, stellt auch der SZ-Autor dahin. Die Macht verschiebt sich eigentlich nur von den Banken hin zu den großen Playern, wozu ich persönlich weder Lending Club noch PayPal zähle, von Giropay ganz zu schweigen. 

Das eigentliche Dilemma vieler Banken besteht jedoch darin, dass sie ihr Geschäftsmodell nur noch dann profitabel betreiben können, wenn sie ins hohe Risiko gehen. Die Tatsache, dass sich an den Anreizsystemen in den Banken nicht wirklich etwas geändert hat und der Kulturwandel, allen Beteuerungen zum Trotz, ausgeblieben ist, verschärft die Situation. Das Geschäftsmodell einer klassischen Universalbank ist überholt. 

Nicht die Regulierung wird daher für einen Sinneswandel und/oder veränderte Geschäftsmodelle sorgen, sondern ganz schlicht und einfach der Markt in Kombination mit dem gesellschaftlichen Wandel und dem Zeitgeist.  
Schumpeter lässt grüßen
Zum Schluss noch einige, wie ich finde, zeitlose Gedanken von Jürgen Ponto über die gesellschaftliche Verantwortung der Banken:
Die private Bank lebt, wenn wir es recht sehen, unter dem Zwang der Gemeinnützigkeit. Sie kann ihren Erfolg nicht erzielen, ohne stets im Interesse der Allgemeinheit zu handeln. Soweit Gewinnstreben und Gemeinnützigkeit Gegensätze sein mögen - hier heben sich die Gegensätze auf. (in: Mut zur Freiheit) 

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