Montag, 31. August 2015

FinTech ohne High Tech?

Von Ralf Keuper

Der Begriff FinTech hat seit etwa zwei Jahren Konjunktur. Was sich genau dahinter verbirgt, ist zwar nicht immer klar, die Suggestionskraft reicht jedoch weit genug, um Investoren, Berater, Banken und Medienvertreter davon zu überzeugen, es hier mit einer bahnbrechenden Technologie zu tun zu haben, die das Potenzial hat, die Bankenbranche zu "disrupten".

Unterdessen mehren sich die Zweifel, ob FinTech, bzw. den FinTech-Startups wirklich so innovativ sind, ihr Geschäftsmodell und ihre Technologie so überlegen, dass den Banken eigentlich nur noch die Kapitulation bleibt.

In einem Interview mit dem Versicherungsboten sorgt Dominik Groener für Ernüchterung. Zwar zielen seien Aussagen in erste Linie auf die Versicherungsbrache, prinzipiell lassen sie sich aber auch auf das Banking übertragen, wie folgende:
Was alle FinTechs gut können:  Sie haben eine Händchen für Front-Ends und können aufgrund Ihres Hintergrundes gut Kapital besorgen. Schauen Sie sich doch einmal die Vita der Gründer an. Da ist es doch einfach, dass ein ehemaliger KPMG, Deloitte, Ernst und Young- Mann und WHU Absolvent, Millionen für ein Start Up bekommt. Die können ja auch alle schicke Folien und Präsentationen machen: Gute Benutzeroberflächen, übersichtlich und leicht bedienbar für den Kunden. Hier haben die Finanz-Startups von den Online-Shops gelernt. Banking-FinTechs sind auch schon weiter, zum Beispiel Finanzblick. Man gibt drei Konten ein und hat seine drei Banken im Smartphone im Gesamtblick. Das ist sauber und schlank. Im Vergleich dazu müssen bei Versicherungs-Startups sozusagen noch die Kontoauszüge von Hand eingetragen werden, damit sie am Front-End, also in der App beim Kunden sichtbar werden und schick aussehen.
Wie auf diesem Blog mehrfach erwähnt wurde, ist es kein Hexenwerk, die Banken in bestimmten Bereichen zu übertreffen, insbesondere in der Benutzeroberfläche. Weitaus schwieriger wird es, je näher man sich dem Back End und damit den nicht-funktionalen Anforderungen nähert. Die meisten FinTech-Startups decken nur einen sehr begrenzten Umfang an Funktionalitäten ab, sie bewegen sich an der Oberfläche. Im Hintergrund nutzen sie die Infrastruktur der Banken, ohne die sie kein Geschäft betreiben könnten. Das ist Segen und Fluch zugleich: Segen in der Weise, dass man mit einem gut gestalteten Front End schnell die nötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann; Fluch deshalb, da man in Fragen der Skalierung fast vollständig abhängig ist. Das geht nur bis zu einem bestimmten Punkt gut. Massentauglich können daher nur die aller wenigsten werden, ganz gleich, ob sie sich als Herausforderer oder als Partner der Banken verstehen.

Für Erleichterung oder Schadenfreude besteht bei den Banken allerdings keinerlei Anlass: Sie müssen sich fragen lassen, wie es kommen konnte, dass es amibitionierten Startups mit vergleichsweise geringem Aufwand gelungen ist, was sie mit ihren Rechenzentren und IT-Abteilungen nicht hinbekommen haben. Hinzu kommt, dass einige wenige FinTech-Startups sich etablieren werden (Stripe ist für mich so ein Kandidat) sowie, und das ist entscheidend: die eigentliche Bedrohung, der "Elefant im Raum" sind die großen digitalen Plattformen, die all das beherrschen, was die FinTech-Startups und die Banken in dieser Form nicht stemmen können: High Tech (Hardware und Software), Bedienerfreundlichkeit, Content, Mobile und Online Payments, Logistik und internationale Skalierung. 

Die FinTech-Startups waren und sind nicht das Problem der Banken, wie es auf diesem Blog schon mehrfach thematisiert wurde:

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