Samstag, 1. August 2015

Inwieweit ist Fintech mit dem deutschen Wirtschafts- und Bankstil kompatibel?

Von Ralf Keuper

Als die Finanzkrise sich auf ihrem Höhepunkt befand und noch einige Jahre danach, herrschte weitgehende Einigkeit darüber, dass der Finanzsektor in vielen Volkswirtschaften Ausmaße angenommen hatte, die eine Bedrohung für das wirtschaftliche Gleichgewicht waren und auch noch sind. In Deutschland fühlte man sich nicht zu Unrecht darin bestätigt, an seiner industriellen Basis festgehalten zu haben und nicht den Ratschlägen einiger Ökonomen und Journalisten gefolgt zu sein, sein Heil ausschließlich im Dienstleistungssektor und Handel zu suchen. Die sog. "Old Economy" war auf einmal wieder angesagt. 
In Ländern jedoch, in denen die Deindustrialisierung bereits weit fortgeschritten ist, wie in Großbritannien, setzt man unverdrossen auf die Karte FinTech, was in gewisser Weise logisch ist, da Großbritannien über keine andere Branche verfügt, in der das Land weltweit tonangebend ist. Allerdings trägt diese Entwicklung dazu bei, die ohnehin schon große Abhängigkeit des Vereinigten Königreichs von der Londoner City zu verstärken. Insofern sind die Konsequenzen aus der Finanzkrise nur halbherzig gezogen worden, wenngleich aus verständlichen Gründen. Fairerweise muss man hinzufügen, dass die britische Regierung inzwischen auch andere Branchen massiv fördert, wie die Biotechnologie. 

Während also Großbritannien an seinem Wirtschaftsstil festhält, sucht man auf dem Kontinent, insbesondere in Deutschland, das britische Phänomen einzuordnen und, wo möglich, auch nachzuahmen. Kann, muss ein Land wie Deutschland nun auf den Zug aufspringen und Fintech zu "der" Schlüsseltechnologie erheben, da sie entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes ist, auch oder gerade eines exportorientierten Landes?

Werfen wir einen Blick zurück in die Wirtschaftsgeschichte. Als im Jahr 1871 die Deutsche Bank gegründet wurde, geschah dies ausdrücklich, um die Interessen der deutschen Wirtschaft im internationalen Handel zu unterstützen. Bis dahin beherrschten die großen britischen Banken den internationalen Kapitalmarkt. Diese Abhängigkeit war führenden Vertretern der Wirtschaft und Politik zu groß. 

Die Bankiers um Georg von Siemens verstanden ihre Rolle als Finanzdiplomaten, die nach Möglichkeit im Hintergrund agierten. So groß ihr Ehrgeiz auch war, so kam ihnen nicht in den Sinn, eine volkswirtschaftliche Bedeutung wie die Stahlindustrie zu erlangen. Ihre Funktion war in erster Linie eine dienende. Die deutschen Banken unterstützten nach Kräften den rasanten Aufstieg Deutschlands zu der nach den USA größten Industrienation der Welt um die Jahrhundertwende, während die britische Industrie ihren Niedergang fortsetzte. 

Seitdem spielt der Finanzplatz Deutschland mit Frankfurt in der internationalen Spitzengruppe, ohne jedoch an die Bedeutung von London und New York heranreichen zu können. Zwar sind unter den größten Banken der Welt derzeit nur vereinzelt deutsche Häuser anzutreffen, von einem drohenden Abstieg kann jedoch keine Rede sein, wie einige Redakteure im gewohnten Alarmismus glauben feststellen zu können. Sicher: Die Deutsche Bank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, die Commerzbank eigentlich nur von nationaler Bedeutung, die Landesbanken bis auf eine, wie Andreas Buschmeier zu Recht feststellt, überflüssig - dennoch ist die Bankenlandschaft in Deutschland durchaus in der Lage, den Bedürfnissen der deutschen Wirtschaft nachzukommen. Abgesehen davon sind die großen Konzerne ohnehin bei der Abwicklung ihrer internationalen Geschäfte auf Banken nicht mehr in der Weise angewiesen, wie das vor Jahrzehnten, in Zeiten der Deutschland AG, der Fall war. Sie haben sich in gewisser Weise von den Banken emanzipiert. 

Was macht vor diesem Hintergrund die Finanztechnologie so besonders für eine exportorientierte Volkswirtschaft, dass sie wettbewerbskritische Bedeutung bekommt? Ist die Technologie so ausgereift, so überlegen, dass sich daraus für die Wirtschaft als Ganzes Nutzen ziehen lässt, wie zuvor und noch im Maschinen- und Automobilbau sowie der chemischen Industrie? Welche Patente könnten diese Vorrangstellung begründen? Steht auch hier "Made in Germany" für überlegene Qualität? Wer kann  auf absehbare Zeit die Nachfolge von VW, Daimler, BMW, ThyssenKrupp und BASF antreten?

Selbst in der Industrie macht sich langsam die Befürchtung breit, im Zuge der sog. Digitalen Transformation, besser bekannt unter den Schlagworten "Industrie 4.0", "Connected Cars" und "Internet of Things", von den großen digitalen Plattformen, wie Apple, Google, Amazon, Alibaba und Samsung an den Rand gedrängt zu werden. Lässt sich dieser Gefahr mit Fintech begegnen? Sicherlich spielt die Finanztechnologie hier eine nicht zu unterschätzende Rolle, ob sie allerdings eine Schlüsselfunktion einnimmt, darf bezweifelt werden. Eine große Chance liegt m.E. in der Anwendung der Blockchain-Technologie. Die Stärke der deutschen Wirtschaft liegt ja in der Anwendung, Verfeinerung etablierter Technologien. 

Viel entscheidender ist die Frage, wie eine Volkswirtschaft wie die deutsche es schafft, der Vormachtstellung der E-Commerce-Konzerne ein eigenes Modell, einen eigenen Wirtschafts- und Bankstil entgegen oder besser: zur Seite zu stellen. Stand heute wäre es utopisch, auf ein deutsches oder kontinentaleuropäisches Amazon oder Google zu warten. Dennoch muss die Frage geklärt werden, in welcher Weise die europäische Wirtschaft die Abhängigkeit von den großen Plattformen verringern kann, so wie im Jahr 1871, als die Deutsche Bank an den Start ging. 

Diese Rolle fällt heute nicht mehr den Banken zu. Ihr Modell passt nicht mehr in die Neue Zeit. Fintech- bzw. FinTech-Startups können hier die Funktion von Scouts übernehmen, die auf Fühlung mit der internationalen Finanzszene sind. Vielleicht kann das eine oder andere eine international führende Rolle spielen und damit dazu beitragen, dass der Bankstil mit dem Wirtschaftsstil korrespondiert. Ohne die Anbindung an eine größere Plattform bzw. ein digitales Ökosystem, sind die dauerhaften Erfolgschancen jedoch gering, zumindest dann, wenn man mehr als die Nische abdecken will. Solange wir in Deutschland und Europa keine Antwort auf diese Herausforderung gefunden haben, bleibt es beim Flickwerk.  

Vorbilder aus der Vergangenheit gibt es reichlich: Erinnert sei nur an die Hanse und die Genossenschaften. 

Weitere Informationen:

Was ist ein "Bankstil"? (Grundlegung eines neuen Begriffs) #1


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