Mittwoch, 5. August 2015

"Kasse statt Masse. Wie Sie mit einem konträren Investmentansatz Geld verdienen" von Ken Fisher

Von Ralf Keuper

Dass an der Börse derjenige auf längere Sicht am besten abschneidet, der einen konträren Denk- mit dem dazu passenden Anlagestil zu kombinieren versteht, ist die Quintessenz des lesenswerten Buches Kasse statt Masse. Wie Sie mit einem konträren Investmentansatz Geld verdienen von Ken Fisher, über den es auf Wikipedia heisst:
He is on the 2014 Forbes 400 list of richest Americans and Forbes list of world billionaires, and as of 2014 is worth $2.7 billion. In 2010, he was named to Investment Advisormagazine's "30 for 30" list of the 30 most influential people in theinvestment advisory business over the last 30 years. As of 2013, Fisher’s firm manages $68 billion and has been called the largest wealth manager in the United States
Mit anderen Worten: Er weiß, wovon er spricht bzw. schreibt. Es handelt sich bei dem Buch also keinesfalls um die üblichen Pamphlete in Buchform, die einem versprechen, in möglichst kurzer Zeit mit möglichst geringem Arbeits- Denkaufwand möglichst reich zu werden. 

Nein: Wer auf Dauer an der Börse erfolgreich sein will, sollte die Kunst des konträren Denkens beherrschen, so wie neben Ken Fisher Warren Buffet, Sir Tempelton, der legendäre Benjamin Graham und der Vater Ken Fishers, Phil Fisher, den Warren Buffett neben Benjamin Graham als sein größtes Vorbild bezeichnet. 

Doch: Was ist konträres Denken überhaupt bzw. was zeichnet einen konträren Anleger aus?
Hier nun die Grundregel des echten Kontrarianismus. .. Wenn die meisten glauben, an den Märkten werde etwas passieren, glaubt der Kontrarianer, dass etwas anderes passieren wird.
Daraus folgt, dass der Kontrarianer dem Verhalten der Herde gegenüber skeptisch eingestellt ist, was jedoch nicht zwangsläufig darauf hinaus läuft, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was die Masse macht. Das wäre zu schlicht und auch ebenso erfolglos. 

Nein, der Kontrarianer ist anders gestrickt:
Kontrarianer wissen, wann sie nicht unternehmen und wovon sie sich fernhalten sollten. Woher? Sie wissen, dass die Märkte meistens effizient sind. Nicht in jedem Augenblick perfekt effizient - denn das gäbe es ja keine Gelegenheiten! Kontrarianer wissen, dass sich Märkte kurzfristig sehr irrational verhalten können. Aber mit der Zeit und im Durchschnitt spiegeln die Preise normalerweise alle allgemein bekannten Informationen wider. Wenn eine Information draußen ist, öffentlich zugänglich, dann haben die Anleger sie bereits bedacht und entsprechend gehandelt. ... Die Märkte wissen schon, was die Masse tun wird, bevor die Masse es selber weiss.
Und weiter:  
Wenn man begreift, wie der Markt bekannte Informationen verarbeitet, kann man den Bereich der Möglichkeiten eingrenzen. Man weiß zwar nicht, was passieren wird - .., aber man weiß, was wahrscheinlich nicht passieren wird, und kann sich auf das konzentrieren, was passieren könnte. Und dadurch steigen die Chancen. 

Um den Bereich einzugrenzen, achtet der Kontrarianer auf Dinge, die die Masse und die Miesepeter übersehen - sie gehen den Verästelungen nach. Oder sich achten auf die gleichen Dinge, sehen sie aber anders. In beiden Fällen erkenne sie Chancen und Risiken, die den meisten anderen entgehen.  
Angesichts dessen sind die Empfehlungen bzw. Berichte der Medien mit der entsprechenden Zurückhaltung zu genießen. Eine Information, die in den Medien verbreitet wird und frei zugänglich ist, ist keine Information mehr, ein Trend, den die Wirtschaftsjournalisten erkannt haben, ist bereits keiner mehr. Dennoch leisten die Medien einen wichtigen Dienst:
Die Medien erweisen uns allen damit jedoch einen immensen Dienst. Sie zeigen uns, wie die Stimmung ist! Wie wir .. gesehen haben, spiegelt das auf Übertreibungen ausgerichtete Gruppendenken der Medien die Masse wider und beeinflusst sie. Dadurch wird es zu einer großartigen Möglichkeit, verbreitete Überzeugungen, falsche Ängste und Stimmungswechsel zu erkennen. Wenn die Medien etwas totsagen, etwas gut- oder schlechtreden, dann haben die Märkte es wahrscheinlich schon eingepreist. Und das kann man ausnutzen.
Kurzum: Ohne die Medien wüsste der Kontrarianer nicht so schnell, wo er nicht suchen muss ;-)

Die Märkte, so Fisher, blicken höchstens für 30 Monate in die Zukunft. Was danach passiert, ist ihnen egal. Alle Katastrophenmeldungen oder Horrorszenarien sind, spätestens mit ihrer Veröffentlichung, eingepreist und damit verarbeitet, also abgehakt. 

Wenig abgewinnen kann Fisher den mit mathematischen Formeln aufgebrezelten Kennzahlen, die Prognosen über die künftige Wertentwicklung einer Aktie ermöglichen sollen, wie KGV und CAPM, die Fisher als gelehrtes Kryptonit bezeichnet. Ebenso gut kann man die Tarot-Karten oder die Astrologin seiner Wahl um Rat fragen. Von Wert sind für Fisher einzig die Monte-Carlo-Simulationen im Porfoliomanagement und die "echte" Behavioral Finance, womit er Kahnemann und Tarski und nicht die diversen Ableger meint, die den Ansatz verwässert und marktgängig, d.h. an die Erwartungshaltung der breiten Massen angepasst haben. Kahneman's Schnelles Denken, langsames Denken empfiehlt Fisher als Pflichtlektüre. 

Auch der beste Kontrarianer, so Fisher, sei weit von einer 100%igen Trefferquote entfernt. Richtig angewandt jedoch, liege die Erfolgsquote bei 60 bis 70 Prozent. Fisher scheint jedenfalls die Quote geschafft zu haben ;-) Wer den "Elefanten im Raum" als einer der ersten erkennt, kann sich auf die wirklichen Risiken und Chancen konzentrieren und glaubt nicht an das Mantra 
Diesmal ist alles anders
Auch Fintech ist hier keine Ausnahme, wenngleich dieser Erkenntnisprozess noch im vollen Gange ist und der Optimismus bei einigen in Euphorie umzuschlagen droht ;-)

Insgesamt also ein Buch, das zum selbständigen Denken und Handeln anregt und das über die Grenzen der Börse hinaus.  Hat man Fehler gemacht, waren es wenigstens die eigenen und die Reue hält sich Grenzen.

Einige, politisch und ideologisch motivierte Aussagen des Autors haben bei mir jedoch Widerspruch hervorgerufen, obwohl Fisher davor warnt, sich von politischen Vorlieben und Ideologien leiten zu lassen. Sein unerschütterlicher Glaube an die Märkte, die er jedoch nicht für perfekt und dauerhaft effizient hält, ist an einigen Stellen gewöhnungsbedürftig. Ist man sich dessen als Kontrarianer und wie ich hinzufügen möchte - Erasmier im Sinne Ralf Dahrendorfs - bewusst, liest man dieses Buch mit großem Gewinn. Ob daraus ein Anlageerfolg resultiert, bleibt jedoch die Aufgabe des einzelnen. Das eigenständige Denken und Handeln lässt sich glücklicherweise nicht delegieren.  

Für mich jedenfalls zählt Kasse statt Masse daher neben den Essays von Warren Buffett und Intelligent Investieren von Benjamin Graham schon jetzt zu den Klassikern des Genres. 

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