Montag, 14. September 2015

New Banking: Die Herausforderungen der Digitalisierung aus systemtheoretischer Sicht

Von Ralf Keuper

Wie kaum eine andere sozialwissenschaftliche Theorie ist die Systemtheorie dazu geeignet, die Veränderungen durch die fortschreitende Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft transparent(er) zu machen. Einen ersten Versuch dazu unternimmt Dirk Baecker, Schüler und langjähriger Mitarbeiter von Niklas Luhmann, in Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung.

Als zentrale Annahme bzw. Hypothese wählt Baecker in Anlehnung an Luhmann: 
Probleme der Digitalisierung entstehen daraus, dass elektronische Medien der Gesellschaft an der Schnittstelle von Mensch und Maschine einen Überschusssinn bereitstellen, auf dessen Bearbeitung bisherige Formen der Gesellschaft strukturell und kulturell nicht vorbereitet sind.
Das deckt sich weitgehend mit der auf diesem Blog vertretenen Meinung, dass der Medienwandel die eigentliche Herausforderungen im Banking ist. Die Bankenbranche ist auf den "Überschusssinn" nicht vorbereitet, weshalb sie verständlicherweise bis jetzt darauf keine Antwort hat finden können. 

Baecker schreibt weiter:
Jedes in der Evolution der Gesellschaft neu auftretende Verbreitungsmedium der Gesellschaft attrahiert neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Erreichens und Verstehens neuer Kreise von Adressaten, und bedroht damit die bisherige Struktur und Kultur, die bisherigen Institutionen, Konventionen und Routinen, die auf die Modalitäten der älteren Verbreitungsmedien eingestellt sind
Hier lässt sich der Bogen zu Berger/Luckmann und ihrem Modell der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit schlagen, das auch für das Banking einige wichtige Aussagen liefert, wie in
Baecker bringt das Dilemma (nicht nur) der Banken auf den Punkt, wenn er schreibt:
Wir haben es mit einer prinzipiellen und extremen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu tun. Vermutlich ist selbst die menschliche Konstitution allenfalls schräg in diese Ungleichzeitigkeit eingelassen. Während unsere praktische Intelligenz sich relativ rasch auf die neuen Verhältnisse der je aktuellen Medienepoche einlässt, denken wir in den Begriffen der vorherigen und fühlen wir in den Konzepten und Perzepten (Deleuze 1993, S. 197ff.) der vorvorherigen Epoche. 
Die Banken, aber auch FinTech-Startups, bewegen sich in ihrer Mehrzahl noch in der Welt von Gestern, während sich draußen neue Koalitionen bilden, die die neuen technischen Möglichkeiten sowie die Chancen der veränderten Mediennutzung der Menschen für sich zu nutzen wissen. Es bräuchte schon eine Art "Kulturrevolution" in den Banken, um den vorherrschenden Modus, die stillschweigende Übereinkunft dessen, was man für sein Geschäft und die Realität hält, tiefgreifend zu verändern. 

Die Evolution wartet nicht. So viel ist sicher. 

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