Freitag, 30. Oktober 2015

Banking in der Retrospektive: Als die Commerzbank Pionier bei der Automatisierung war

Von Ralf Keuper

Es ist immer wieder bemerkenswert feststellen zu können, wie Diskussionen sich über die Jahrzehnte im Kreis zu drehen scheinen. Im Banking ist das die Frage nach der Zukunft der Filiale, die mit der Verbreitung von Geldausgabeautomaten, SB-Terminals und der dezentralen Datenverarbeitung bis zum Mobile Banking unserer Tage an Aktualität kaum verloren hat, wenngleich das Filialsterben der letzten Jahre hier die Richtung vorgibt. 

Im Mai 1987 widmete das manager magazin dem Thema Bankenautomation einen längeren Beitrag (Mehr Soll als Haben) und ein Interview mit damaligen für EDV und Bankenorganisation zuständigen Vorstandsmitglied der Commerzbank, Jürgen Terrahe. Zu dieser Zeit galt die Commerzbank als Pionier der Automatisierung des Bankgeschäfts in Deutschland. Schon damals verfügte jeder zweite Mitarbeiter der Commerzbank über ein, wie man es damals nannte, Bildschirmgerät, d.h. ein Terminal. Der Sachbearbeiter war damit in Lage, sowohl Sparbücher nachzutragen wie auch aktuelle Kursentwicklungen abfragen zu können. Trotz der betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit, weiter in die Automatisierung zu investieren, war sich die Führungsriege der Commerzbank-IT einig darin, dass der persönliche Kontakt zum Kunden dadurch nicht beeinträchtigt werden dürfe. 

Auf diesen Widerspruch hingewiesen antwortete Terrahe:
Die Schizophrenie in unserer Zielrichtung ist unverkennbar, aber ich glaube, dass sich dieser Widerspruch am Ende doch verträgt. Bei einfachen Geschäftsvorgängen hat auch der Kunde nicht immer Interesse, in ein weitergehendes Beratungsgespräch verwickelt zu werden, deshalb ist die Automatisierung hier gerechtfertigt. Die Herausforderung, die auf uns als Bank zukommt, ist die Gestaltung von Offerten, die so attraktiv sind, dass es sich für den Kunden lohnt, zu uns zu kommen.
Diese Auffassung ist bis heute in den Banken weit verbreitet. Die "totale Automatenbank" hielt der damalige Leiter des allgemeinen Privatkundengeschäfts, Gunter Raatz, für totalen Unsinn. In dem Artikel wird Raatz mit den Worten zitiert:
Je mehr Technik ich biete, desto geringer wird der Kontakt des Kunden zu seiner Bank. 
Auch dieser Glaubensspruch hält sich bis heute. Dass die GAAs die Kassenauszahlung einmal überflüssig machen könnten, hielt Raatz für unrealistisch. "Für uns ist es ein zusätzlicher Kundenservice, der allenfalls den Stau an den Kassen verringert", so Raatz. 

Da war der Organisations- und EDV-Leiter der Commerzbank, Rudolf Bauer, schon deutlich weitsichtiger mit seiner Aussage:
Auch wenn es noch nicht alle im Management begriffen haben: Mehr als Immobilien sind vor allem Softwareinvestitionen die Bankinvestitionen der Zukunft.
Diese Auffassung jedoch hat sich noch nicht wirklich durchgesetzt ;-)

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