Mittwoch, 28. Oktober 2015

Banking in der Retrospektive: Als die Kreditkarte den Eurocheque ablösen sollte

Von Ralf Keuper

Als sich in den 1980er Jahren abzuzeichnen begann, dass die Tage des Eurocheques gezählt waren, sahen die Kreditorganisationen ihre Stunde gekommen. Zu dieser Zeit galt Deutschland, was die Verbreitung und Akzeptanz von Kreditkarten betraf, als ausgesprochen rückständig. Die Vertreter von Visa und anderen Kreditkartenunternehmen wähnten sich schon als einzige und legitime Nachfolger des Eurocheque; es winkte ein Milliardenmarkt. 

Im Mai 1987 griff das manager magazin das Thema in dem Beitrag Krieg der Karten auf. Ziel von Visa, American Express und Diners Club, aber auch von Nicht-Banken war es, sich zwischen die Banken und die Kunden zu schieben, um weiteres Geschäft an sich ziehen zu können:
Und alle wollen dasselbe: den Konsumenten davon überzeugen, dass er seine Geldgeschäfte am besten mit einer Kreditkarte ganz neu organisiert. Die Gefahr für das Kreditgewerbe, wichtige Anteile in seinen klassischen Domänen, dem Kredit-und Einlagengeschäft sowie dem Zahlungsverkehr, und somit auch die traditionell enge Bindung des Kunden an seine Hausbank zu verlieren, war noch nie so hoch. 

Bislang konnten die deutschen Kreditinstitute ihre Position als Universalpartner in Gelddingen spielend behaupten. Nun wird es ernster: Es sind die klassischen Bereiche des Bankgeschäfts, die die Konkurrenz im Visier hat. Wer den Kunden mit der Karte erst einmal an sich gebunden hat, so das Kalkül der Geldbranche, wird ihn auch für seine breite Palette von Finanzdienstleistungen gewinnen.
Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Man ersetze Kreditkarten durch Mobile Payments oder Mobile Wallet und die Kreditkartenunternemen durch die Internetkonzerne - und der Text bzw. die Diagnose könnten auch heute durchgehen. 

Die Kreditkarte ist bis heute in Deutschland - verglichen mit den USA - nicht wirklich angekommen, die Deutsche Kreditwirtschaft bekam mit der EC-Karte noch gerade rechtzeitig die Kurve. 

Insofern ist es irgendwie verständlich, dass in den Banken und Sparkassen zuweilen noch, wenngleich mit stark abnehmender Tendenz, die Meinung vorherrscht, den Herausforderungen in Gestalt von Mobile Payments, Mobile Wallets, Blockchain & Co. gelassen entgegen sehen zu können. Die entspannte Haltung wäre gerechtfertigt, wenn sich die Banken noch immer in einer ähnlich komfortablen Position wie in den 1980er Jahren befinden würden, d.h. wenn sie über ihre Filialen und ihre Zahlungsverkehrsinfrastruktur das Geschäft mit den Privatkunden dominieren würden und keine alternativen Kanäle zur Verfügung stünden. Mit der Verbreitung des Online-Banking und des Mobile Banking, dem Eintritt neuer Anbieter, die sowohl die Technologie wie auch Finanzdienstleistungen aus einer Hand anbieten und eine Reichweite von mehreren hundert Millionen Kunden vorweisen können, sieht die Lage anders aus. Im digitalen Alltag der Menschen, vor allem der jüngeren Generation, spielen klassische Banken, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Ein Gang in die Bankfiliale hat da schon exotische, extravagante, nostalgische Züge. 

Die rapide sinkende Zahl von Filialen sowie die Zunahme von Fusionen unter den Sparkassen und Volksbanken deuten darauf hin, dass es dieses Mal anders ist. In den 1980er und auch den 1990er Jahren lag IBM, DEC, HP, NCR und Siemens der Gedanke fern, den Banken, die zu ihren besten Kunden zählten, das Geschäft streitig zu machen. Amazon, Apple, Samsung, Google, Alibaba & Co. brauchen solche Rücksichten nicht zu nehmen. Ebenso wenig die zahlreichen FinTech-Startups, die sich als Konkurrenz zu den Banken sehen. Heute haben die digitalen Plattformen einen Zugang zu einer Datenfülle, die sie weitgehend unabhängig von den Banken als Risikohändler und Kreditgeber machen. Die Banken wiederum haben zu diesen Daten keinen, jedenfalls keinen direkten Zugang. Sie kommen mindestens einen Schritt zu spät, wenn die Transaktion, das Geschäft gelaufen ist. Den Online-Zahlungsverkehr haben die Internetkonzerne schon fast vollständig an sich gerissen. Der Geldautomat muss um seine Zukunft bangen. 

Das Ende einer Ära. 

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