Donnerstag, 8. Oktober 2015

New Banking: Digitale Exzellenz ohne Digitale Souveränität?

Von Ralf Keuper

Kann es das Eine ohne das Andere geben? Diese Frage beschäftigt nicht nur Philosophen, sondern auch zahlreiche Berater, Kommentatoren und Blogger, wenn es darum geht, die Banken für die fortschreitende Digitalisierung "fit" zu machen.

Schnell macht das Schlagwort von der "Digitalen Exzellenz" die Runde, wonach die Banken ihre IT-Systeme dringend den neuen Herausforderungen, in Form von Echtzeitverarbeitung, Mehrkanalfähigkeit und durchgängiger User Experience, anpassen müssen.

Dann, so die Hoffnung, seien die Banken bestens gerüstet, um auf die veränderten Lebensgewohnheiten der Kunden, ausgedrückt durch einen Wertewandel (z.B. Teilen statt Besitzen) und verändertes Mediennutzungsverhalten (z.B. Soziale Netzwerke und Messaging Dienste), angemessen reagieren zu können und ihren angestammten Platz verteidigen bzw. wieder einnehmen zu können. Beispielhaft dafür ist die aktuelle Studie von Steria Sopra zur Digitalisierung der Banken

Weiteres Beispiel für diese Denkhaltung ist der Beitrag Digital wallet management platforms will play a pivotal role for banks to grasp new revenue opportunities from personalised digital services - ebenfalls von Sopra.

Leider nur ergibt Digitale Exzellenz ohne die dazu nötige Digitale Souveränität wenig Sinn, insbesondere dann, wenn die Annahmen nicht an die Neue Zeit angepasst werden, d.h., wenn im Hintergrund noch immer der Gedanke Regie führt, die Banken müssten nur ihre Systeme digitalisieren und ihre Abläufe anpassen, und schon sei alles - mehr oder weniger - wieder gut. 

Ein Irrglaube, der durch die Fakten jeden Tag erneut und mit zunehmender Dringlichkeit ans Licht gebracht wird. 

Was müssten Banken tun, um wieder digital souverän zu werden, wie sieht das Delta aus?
  • Sie müssten eigene soziale Netzwerke aufbauen und betreiben, die mit den weltweit größten mithalten können, wie facebook, Instagram, Pinterest Tencent, Snapchat, Daum Kakao oder Line. Selbstverständlich könnten sie auch versuchen, ein soziales Netzwerk zu übernehmen, wenngleich hier unterschiedliche Kulturen aufeinander prallen.
  • Sie müssten selber in die Entwicklung von (mobilen) Betriebssystemen und in die Herstellung der Hardware (Smartphone, Tablet-PCs, Wearables) einsteigen.
  • Sie müssten eigene E-Commerce und B2B-Plattformen betreiben, die mit Amazon, Alibaba, Rakuten, LinkedIn und Co. mithalten können.
  • Sie müssten in der Lage sein, riesige Rechenzentren zu betreiben, wie neben der reinen Datenhaltung auch Machine Learning und Cloud-Computing anbieten.
  • Sie müssten selber führend im Bereich Machine Learning, Künstliche Intelligenz und Sprachsysteme werden.
  • Sie müssten selber in die Logistik einsteigen.
  • Letztlich und als Konsequenz daraus, müssten sie eigene Digitale Ökosysteme aufbauen, die mit Amazon, Apple, Alibaba, Google, und Samsung mithalten können.
Und das war noch nicht alles.

Sicher - das fehlende Know How könnten die Banken sich über Zukäufe, z.B. durch FinTech-Startups, besorgen. Allerdings werden sie die Systemgrenzen damit nicht überschreiten können, sondern eher noch die Beharrungstendenzen verstärken. Auch Kooperationen mit großen Technologiekonzernen können das Dilemma nicht beheben. 

Kurzum: Sie müssten an zu vielen Fronten gleichzeitig angreifen, was zu einer deutlichen Überdehnung der ohnehin schon abnehmenden Kräfte führen würde. 

Digitale Exzellenz, so gut sie auch gemeint ist, vermag nicht das, je nacht Sichtweise, tiefer- oder höherliegende Problem zu lösen. Insofern treffen mit Blick auf das Begriffspaar Digitale Souveränität - Digitale Exzellenz im übertragenen Sinne die Worte von Sebastian Haffner zu:
Entscheidende Fehler im gesamtstrategischen Konzept sind durch noch so glänzende Detailleistungen im operativen Bereich nicht wieder einzuholen.
Die Banken müssen ihre Rollen neu definieren. Weiter so! ist nicht mehr. 

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