Montag, 2. November 2015

Als die Deutsche Bank dem Duft der großen weiten Investmentbanking-Welt folgte

Von Ralf Keuper

Bisher war ich, wie wohl einige andere auch, der Ansicht, dass die Deutsche Bank unter Josef Ackermann dem Duft der großen weiten Investmentbanking-Welt erlag. Das war, das ist ein Irrtum.
Sicher: Die Erkenntnis ist nicht neu, dass die Deutsche Bank mit der Übernahme von Morgan Grenfell im Jahr 1989 offiziell die Bühne des Investmentbanking betrat, zu einer Zeit, als noch Alfred Herrhausen Vorstandssprecher und F. Wilhelm Christians Aufsichtsratsvorsitzender der Bank waren. Jedoch hat sich, so zumindest mein Eindruck, die Sicht verfestigt, erst mit Josef Ackermann, Edson Mitchell und Anju Jain hätten die Investmentbanker in der Deutschen Bank die Richtung vorgegeben. Die Ansicht, es habe in der Geschäftspolitik der Deutschen Bank im ersten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends einen Bruch gegeben, ist m.E. so nicht mehr haltbar. Stattdessen haben wir Anlass von einer Kontinuität, wenngleich nicht im Sinne eines Determinismus, auszugehen.

Bereits um den Jahreswechsel 1986/87 zeichnete sich die Entwicklung ab, die in den darauffolgenden Jahren dazu führen sollte, dass die Deutsche Bank eine der ersten Adressen im Investmentbanking wurde. In der Rubrik Namen und Nachrichten mit dem Titel Deutsche Bank: Der Duft der weiten Welt ging das manager magazin in der Ausgabe 1/1987 auf die Übernahme der Banca d'America e d'Italia (BAI), einer Tochter der Bank of America, für 1,2 Mrd. DM durch die Deutsche Bank ein. Treibende Kraft hinter dem Deal war Alfred Herrhausen, zu dieser Zeit erst zwei Jahre im Amt des Vorstandssprechers und im internationalen Bankgeschäft noch eine weitgehend unbekannte Größe. Mit der Übernahme der italienischen Tochter der Bank of America lieferte Herrhausen damals sein Meisterstück, so der allgemeine Tenor, nicht nur beim manager magazin. Der Ehrgeiz von Herrhausen und der Deutschen Bank schien im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos. Von der Goldgräberstimmung wurde nicht nur die Deutsche Bank erfasst, sondern auch zahlreiche andere Banken, die die Zeit gekommen sahen, im großen Stil in das internationale Bankgeschäft einzusteigen, wie Citicorp, Chase Manhattan, Nomura, National Westminster und andere.

Auf der Pressekonferenz der Deutschen Bank Anfang Dezember 1986 ließ Herrhausen die Journalisten wissen, dass die Übernahme der BAI einen ganz neuen Start signalisiere und fügte hinzu:
wir müssen mit einer neuen Strategie ein rund um den Globus agierender Finanzmulti werden. ... Wir sind über den Rubikon hinaus und müssen international denken.
Das Feld der Möglichkeiten hatte sich für die Banken aus mehren Gründen gegen Mitte der 1980er Jahre deutlich vergrößert. Ausschlaggebend dafür waren laut manager magazin:
  • Mit der "deregulation" der bisher durch staatliche Vorschriften abgeschotteten internationalen Finanzmärkte von Tokio bis London entsteht erstmals ein ein weltweiter Wettbewerb der Banken untereinander.
  • Die Perfektionierung der den Globus umspannenden Informationssysteme schafft eine Durchsichtigkeit von Nachfrage und Angebot, von Zinskonditionen und Währungsgefällen, wie es das bisher noch nie gegeben hat.
  • Die explosionsartige Expansion des Investment Banking erschüttert die bisher so fest gefügten Grundmauern von Geld und Kredit in schwindelerregendem Ausmaß.
Insbesondere der letzte Punkt dürfte dafür verantwortlich sein, dass die Führungsriege der Deutschen Bank sowie weiterer Institute hier Chancen sahen, die sie nicht ungenutzt lassen wollten. 
Als Folge davon setzte ein Kultur- und Stilwandel im Banking ein, wie es ihn so in der Nachkriegszeit noch nicht gegeben hatte. So schrieb das mm damals:
Alte Vereinbarungen des Gewerbes gelten nicht mehr. Die Schweizer kommen nach Frankfurt, die Deutschen nisten sich in Zürich ein. Italien öffnet die Grenzen, Spanien wird liberalisiert, und Skandinavien lädt die Konkurrenz ein. Wall Street ist ein Muss für jeden Banker, London versteht sich von selbst. Der letzte Schrei im Banking: Alle wollen nach Tokio. "Es geht um Banking around the world" sagt Herrhausen, "and around the clock".
Aber das war noch nicht alles. Es winkte der ganz große, ultimative Deal:
Das heißeste Ding dabe ist das sogenannte Investment Banking (Finanzierung über Wertpapiere statt des herkömmlichen Kredits - aus Schulden werden handelbare "Notes"), eine neue Masche, mit der fixe Banker inzwischen Milliardenbeträge um den Globus schieben. Hatte früher Bilanzrichtlinien und Behördenauflagen den Rahmen der Kredite, die eine Bank ausleihen durfte, eng begrenzt, so hat der Banker heute die Freiheit, Milliardenbeträge zu bewegen, auch wenn er nach dem Gesetz keine Mark Kredit mehr vergeben darf. Denn beim Investment Banking tritt die Bank nur als Mittler auf, der für den Kunden ein Finanzpaket zusammenstellt, das in Form von handelbaren Titeln bei anderen Banken, Versicherungen, Fonds oder sonstigen institutionellen Anlegern untergebracht wird. 
Eine Finanzierungsmethode übrigens, die sich derzeit im P2P-Lending großer, wachsender Beliebtheit erfreut. 

Noch vor der Übernahme von Morgan Grenfell schlug die Deutsche Bank am Finanzplatz London zu, als sie unter Herrhausens maßgeblicher Beteiligung die Deutsche Bank Capital Markets Limited (DBCM) aus der Taufe hob. Auch sonst war die Bank nicht untätig, wie mm schreibt, so setzte sich die Deutsche Bank in Australien mit einer Investment Bank fest. Zeitlich noch weiter zurück liegen die Gründung der EBIC-Group im Jahr 1968 und der UBS-DB-Corporation in New York im Jahr 1971, letzteres ein Gemeinschaftsunternehmen von UBS und der Deutschen Bank. Die UBS-DB-Corporation firmierte danach als Atlantic Capital Corporation, bevor sie im Jahr 1985 in die Deutsche Bank Capital Corporation umbenannt wurde. 

Es wäre gewiss zu einfach, von hier eine direkte Verbindungslinie zur Casino-Mentalität einiger Banken der Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise von 2007/2008 zu ziehen. Schwer vorstellbar, dass Herrhausen und Christians die weitere Entwicklung gutgeheißen hätten. Allerdings fehlte es auch in den 1980er Jahren nicht an mahnenden Stimmen, sowohl in der Deutschen Bank selber, wie Marc Brost und Andreas Veiel in Deutsche Bank: Sie nennen es Sterbehaus schreiben, sondern auch von außerhalb. In einem Interview mit dem Spiegel aus dem Jahr 1987 wurde Herrhausen auf die damals sich abzeichnenden Risiken auf den internationalen Finanzmärkten angesprochen:
SPIEGEL Die Banken und mit ihnen der gesamte Finanzsektor wachsen seit Jahren erheblich schneller als der Rest der Wirtschaft, insbesondere die Industrie. Die Geldwelt, so der Eindruck, hat abgehoben von der Warenwelt. Wie lange kann das gutgehen?

HERRHAUSEN: Der Eindruck ist richtig. Früher waren internationale Finanztransaktionen dazu da, den Welthandel zu finanzieren. Dieser Zusammenhang ist heute wesentlich lockerer, als er jemals war. Heute wird Geld als eine eigene Ware gehandelt  . . .

SPIEGEL: ... die Welt wird zur Spielhölle.

HERRHAUSEN: Das ist eine Formulierung, die ich nicht teilen möchte. Ich glaube, man muß das einfach verstehen als eine Konsequenz steigender Liquidität. ...

SPIEGEL: Das Schlimme daran ist nur, daß Sie nicht wissen, wer unter Ihren Partnern davon wie stark betroffen ist. Viele dieser neuen Finanztitel werden nicht in den Bilanzen aufgeführt.

HERRHAUSEN: Es gibt in der Tat Risiken, die nicht bilanziert sind. Aber wenn ich nicht mehr aus der Bilanz und aus der Gewinn-und-Verlustrechnung ablesen kann, mit welchen Risiken mein Partner konfrontiert ist, dann muß ich eben vorsichtiger sein.
Noch früher als die Deutsche Bank stieg die Dresdner Bank in das Investmentbanking ein. Bereits Ende der 1960er Jahre zog die Dresdner Bank unter Regie des späteren Vorstandschefs Wolfgang Röller eine Investmentbank in den USA hoch, die erste deutsche Brokerfirma, die in den USA einen Börsensitz erwarb, wie das manager magazin in seiner Ausgabe 6/1987 schreibt. 

In Die Dresdner Bank: Historischer Überblick ist mehr dazu zu erfahren:
Ab Dezember 1968 war die Dresdner Bank dann als erste deutsche Bank mit ihrer Tochtergesellschaft, der German-American Securities Corp. (Boston) direkt an einer amerikanischen Börse vertreten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen