Mittwoch, 11. November 2015

Als die DG Bank das ganz große Rad drehen wollte

Von Ralf Keuper

In den 1980er Jahren schickte sich die DG Bank unter dem Vorstandsvorsitzenden Helmut Guthardt an, in die Champions League des Banking vorzustossen. Bis dahin führte die Bank als Zentralkasse der Volks-und Raiffeisenbanken ein eher beschauliches Dasein. Die Hauptaufgabe der Bank bestand in der Verwaltung der Liquidität der Volks- und Raiffeisenbanken sowie in der Abwicklung internationaler Geschäfte. Ursprünglich Tochter der regionalen Genossenschafts-Zentralbanken, übernahm die DG Bank im Lauf der Jahre eine Zentralbank nach der anderen. Die Primärstufe im Verbund der Genossenschaftsbanken, quasi den tragenden Grund, bilden bis heute die zahlreichen Volks- und Raiffeisenbanken.

Bereits im Jahr 1986 rangierte die DG Bank unter den größten deutschen Banken auf dem achten Platz. Zu dieser Zeit weckte der Aufstieg der DG Bank das Interesse der Wirtschaftsmagazine. Im Mai 1986 widmete daher das manager magazin der Bank gleich die Titelgeschichte (DG Bank: Ein Riese sucht sein Profil). Anlass für den Beitrag war auch, dass die DG Bank in der kurz zuvor durchgeführten Studie des manager magazins über das Image deutscher Großunternehmen unter den Banken nach der Deutschen Bank den zweiten Platz belegte. So überrascht es dann auch nicht mehr, dass Guthardt seine Bank zu dem Zeitpunkt als klaren und direkten Mitbewerber zu Deutschlands größtem Finanzinstitut sah. Gerne verwies Guthardt darauf, dass die DG als Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken das Haupt einer Bankengruppe mit damals 500 Milliarden DM Bilanzsumme war, was zu jener Zeit den ersten Platz unter allen Banken der Welt bedeutet hätte, vor der damals größten Bank, der Citibank. 

Als Stolpersteine der DG Bank auf dem Weg zu nationaler wie internationaler Größe galten nach Ansicht vieler Branchenbeobachter die Spannungen im Verbund der Genossenschaftsbanken, wo jeder Versuch der Zentralisierung und Machtkonzentration mit Argwohn betrachtet wird, sowie der Umstand, dass die Bank im profitablen Industrie- und Emissionsgeschäft nur eine Nebenrolle spielte. 

In den Jahren danach sollten die Risiken der Expansionspolitik immer offener zu Tage treten. Im Jahr 1988 berichtete der Spiegel in DG Bank: "Die sind größenwahnsinnig von ersten Zerfallserscheinungen, die für tiefe Risse in der einst strahlenden Fassade sorgten. Die Risikofreude schien bereits existenzbedrohende Ausmaße angenommen zu haben:
Überall, wo es um Geld geht, ist die DG Bank nun dabei. ... Auf allen wichtigen Finanzplätzen der Welt sind Guthardts Leute längst tätig. Sie handeln in Zürich und London, in Luxemburg und New York, in Singapur, Hongkong und Tokio, in Rio de Janeiro und Atlanta. Doch auch mit ihren Problemen liegt die DG Bank ganz weit vorn. Im heiklen Devisenhandel ist das Institut aufgefallen. ... Geradezu lehrstückhaft werden die Schwachstellen der DG Bank im Devisenhandel sichtbar. Nirgendwo lassen sich Seriösität und Solidität eines Geldhauses besser ablesen als am gewinnträchtigen, aber risikoreichen Jonglieren mit fremden Währungen.
Wenn man so will, exerzierte die DG Bank in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren das vor, was einige Landesbanken und die Deutsche Bank Jahre später auf neue Höhen führen sollten.

Im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stand damals der Devisenhändler Jörg Stumpf, dem vorgeworfen wurde, seinen Arbeitgeber DG Bank bei Devisengeschäften um mehrere Millionen DM geprellt zu haben. Der Prozess endete im Jahr 1996 mit einer mehrjährigen Haftstrafe für Stumpf und weitere Mitarbeiter. Dem Richter kamen damals Zweifel, ob die Führung der Bank tatsächlich so ahnungslos war, wie sie tat. 

Zuvor, im Jahr 1990, begann der Stern der DG Bank und der Guthardts zu sinken. Die Zeit schrieb von Guthardts letztem Coup. Im Jahr 1991 schied Guthardt als Vorstandsvorsitzender der DG Bank aus. 

Auch danach hielt der Sinkflug der DG Bank an. Im Jahr 2001 war die DG Bank aus eigener Kraft kaum noch überlebensfähig, so dass die Übernahme der Bank durch die damalige GZ-Bank die letzte Rettung war. Es entstand die DZ Bank. 

Alles in allem ein wichtiges Lehrstück der jüngeren deutschen Bankgeschichte. Vielleicht war das Unglück ja auch das Glück für die Genossenschaftsbanken. Zu dem Zeitpunkt, als einige Landesbanken und Großbanken das ganz große Rad auf den internationalen Finanzmärkten drehten, mit den bekannten Folgen, hatten die Genossen die Lust am schnellen Geld so ziemlich verloren. 

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