Mittwoch, 11. November 2015

Szenarien für das Banking der Zukunft #2

Von Ralf Keuper

Vor etwas über zwei Jahren ließ ich in dem Beitrag Szenarien für das Banking der Zukunft meinen Gedanken zur weiteren Entwicklung im Banking freien Lauf. Insofern kann es nicht schaden, die darin gemachten Aussagen erneut in den Blick zu nehmen und einer kritischen Würdigung zu unterziehen. 

Über das wahrscheinlichste Szenario schrieb ich zu jenem Zeitpunkt: 
Ein derzeit wohl plausibleres Szenario sieht vor, dass die Banken sich, in der Sprache der Bank-IT formuliert, auf die Bereiche Front End, Middleware und Back End konzentrieren, d.h. die Bank, die alles aus einer Hand anbietet, gehört der Vergangenheit an. Stattdessen haben wir Institute, die sich auf die reine Transaktionsverarbeitung und die Einhaltung der regulatorischen Bestimmungen sowie Fragen der Sicherheit konzentrieren. Hier kommen die Skaleneffekte zum Tragen. Das Risikomanagement und die Verwertung/Analyse der Daten übernehmen ebenfalls spezialisierte Anbieter. Inwieweit die Cloud-Technologie zur Anwendung kommt, bleibt noch abzuwarten.

Im Bereich der Middleware werden Anbieter wie Yodlee eine Schlüsselrolle übernehmen, die ihre Lösungen als White Label zur Verfügung stellen.

Entscheidend aber wird das Front End sein. Hier können Anbieter wie die Movenbank oder der Bank Simple flexibel auf die Kundenbedürfnisse eingehen. Ergänzt wird das Angebot im Front End durch die Lösungen unabhängiger Anbieter im Bereich Personal Finance Management wie figo, Finanzblick und Crealogix. Die Banken klinken sich mit ihren Dienstleistungen in das Front End ein. Die Erlösstruktur würde die neue Rollenverteilung widerspiegeln, d.h. die Anbieter im Front End und die Transaktionsabwickler und Risikoverarbeiter würden den größten Anteil bekommen. Ob sie auch den größten Gewinn machen, steht auf einem anderen Blatt.
Obgleich ich an dem Tenor festhalte, d.h. der Aufteilung in die Bereiche Font End (Front Office), Middleware (Middle Office) und Back End (Back Office), sind andere Aussagen so nicht mehr haltbar. 

Die Movenbank und Bank Simple halte ich heute nicht mehr für Disruptoren, die das Banking in eine neu Ära führen können, und das nicht nur, da die Bank Simple inzwischen von einer großen Bank, der BBVA, übernommen wurde. Movenbank firmiert mittlerweile als Moven. Ob Number26 neue Akzente setzen kann, bleibt abzuwarten. Was das Personal Finance Management betrifft, bin ich zurückhaltender geworden. PFM alleine wird das Banking nicht wandeln. Das hat wohl auch figo vor einiger Zeit erkannt. Das Fintech-Startup hat sich inzwischen als Banking Service Provider positioniert. Ein Schritt bzw. ein Schwenk, der m.E. deutlich mehr Erfolg verspricht, insbesondere mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen im regulatorischen Bereich, wie PSD II.

Was mich aber vor allem zu einer Revision meiner Einschätzung veranlasst, ist das Aufkommen der sog. Digitalen Ökosysteme wie Amazon, Apple, Google, Alibaba, Samsung, Tencent, facebook und Co., welche die klassische Rollenverteilung im Banking verändern. Dabei zielen sie in erster Linie auf das Front End, d.h. auf die digitale Schnittstelle zum Kunden. Wer hier die Gatekeeper-Funktion besetzt, hat großen Einfluss auf die Aufgabenverteilung auf die nachgelagerten Bereiche, wie auf das Middle Office und Back Office. Sowohl die Banken wie auch die meisten FinTech-Startups können ein vergleichbares Ökosystem, d.h. eine Kombination aus Hardware, Software, Payments, E- und M-Commerce, Entertainment und Logistik nicht vorweisen. Die veränderte Mediennutzung spielt Amazon & Co. zunehmend in die Hände. 

Die Banken, das hat sich in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, haben ihre alte unangefochtene Schlüsselstellung als Risikoverarbeiter der Wirtschaft, als Clearingstelle und als Informationsmonopolist verloren. Es ist vergebene Mühe, die alte Stellung dadurch wiedererlangen zu wollen, indem man mit den neuen Herausforderern auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung und Logistik gleich zu ziehen versucht. Dazu fehlen sowohl die Mittel wie auch die Zeit. Daran ändern auch Kooperationen mit Fintech-Startups nur wenig. 

Die größte Herausforderung der nächsten Jahre - nicht nur für die Banken - resultiert aus der fortschreitenden Vernetzung technischer Objekte, wie sie unter dem Begriff Internet of Things kursieren. Hierdurch vergrößert sich das Feld, auf dem sich die Banken bewegen, um einiges. Einhergehend damit nimmt auch die Zahl neuer Mitbewerber zu. 

Die Banken werden nicht darum herum kommen, ihre Rolle neu zu definieren. Überlebensfähig ist ihr Geschäftsmodell nur, wenn es ihnen gelingt, eine Schlüsselstellung zu erringen, die mit der alten in etwa vergleichbar ist. Das geht vor allem, so meine Überzeugung, über das Thema Digital Identity mit seinen zahlreichen Facetten. Aber auch hier ist die Konkurrenz bereits groß. Sofern es den Banken gelingt, sich als glaubwürdiger Vermittler, Intermediär für die Digitalen Identitäten und Digitalen Vermögenswerte ihrer Kunden zu positionieren, werden sie auch weiterhin noch eine wichtige Rolle, wenngleich nicht mehr in der Weise wie zuvor, spielen. 

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