Montag, 23. November 2015

Wie die Sparkassen ihre Chance auf Innovationsführerschaft verspielten - eine kontrafaktische Betrachtung

Von Ralf Keuper

Wer sich heute das Agieren des deutschen Kreditgewerbes im elektronischen Zahlungsverkehr etwas näher anschaut, insbesondere was die Planung und Lancierung von Paydirekt betrifft, gewinnt dabei nicht den Eindruck, dass die Banken und Sparkassen die Treiber der Entwicklung sind. Eher sind sie Nachzügler. Das ist umso bedenklicher, da es es sich beim Zahlungsverkehr um eine, wenn nicht die Schlüsselfunktion im Bankgeschäft handelt. Mögen die Kosten für die Unterhaltung der Infrastruktur einem auch hin und wieder die Freude am Geschäft vermiesen, so sind und bleiben sie doch das "Eintrittsgeld", um sich als Clearingstelle und Drehscheibe für die Informations- und Zahlungsströme zu positionieren. Wer hier die Pole-Position besetzt, kann daraus weiteres Geschäft generieren. Ein Punkt, den die Internetkonzerne wie Apple, Google, Amazon, Alibaba und Samsung vollauf erkannt haben, weshalb sie die Stoßrichtung ihrer Aktivitäten eben dort konzentrieren. Ebenfalls die historische Chance erkannt haben zahlreiche Fintech-Startups wie Stripe.

So weit zur aktuellen Situation.

Nicht nur für historisch interessierte stellt sich die Frage, ob es so kommen musste und ob in der Vergangenheit zu einem entscheidenden Zeitpunkt die Weichen falsch gestellt bzw. Chancen ausgelassen wurden. Für diese Art der Betrachtung hat sich der Begriff der kontrafaktischen Geschichte eingebürgert. In Deutschland wird diese Richtung u.a. von dem renommierten Alt-Historiker Alexander Demandt vertreten, wie in seinem Buch Es hätte auch anders kommen können - Wendepunkte deutscher Geschichte.

Die Spuren führen uns im vorliegenden Fall zurück in die 1980er Jahre, die nach meinem Dafürhalten die entscheidenden Jahre für das Banking waren und noch sind. Zu dieser Zeit sorgten die Sparkassen mit ihrem rührigen, jedoch sowohl intern wie extern nicht unumstrittenen Geschäftsführer, Wolfgang Starke, für einige Unruhe in der weitgehend harmonischen deutschen Bankenwelt. Starke, der 1976 von der Commerzbank zur Sparkassenorganisation stieß, war stets darauf bedacht, den Großbanken, sagen wir mal in die Parade zu fahren, wann immer sich ihm die Gelegenheit bot. Vor allem die Deutsche Bank hatte es ihm angetan. Gegen Mitte der 1980er Jahre schien der optimale Zeitpunkt gekommen. Die Sparkassen waren zu dem Zeitpunkt im Zahlungsverkehr technologisch führend. Die Einführung des POS war für sie im Gegensatz zu den anderen Banken kein großes Problem, die Kundenbasis so groß, dass man einen Alleingang durchaus hätte riskieren können. Das Fass zum Überlaufen brachte dann der Vorstoss Starkes mit der S-Card. Damit ging er auf direkten Konfrontationskurs mit den anderen Banken und hier insbesondere mit dem damaligen Deutsche Bank-Vorstand Eckahrt van Hooven. Nicht weniger als eine Revolution im Zahlungsverkehr sollte die S-Card laut Starke sein. 

Van Hooven dagegen war bestrebt, das von der Deutschen Bank dominierte Eurocheque-System als Zahlungsplattorm durchzusetzen. In den Gremien der GZS (Gesellschaft für Zahlungssysteme mbH) kam es zu der Zeit zwischen Starke und van Hooven häufiger zu Kontroversen. Starke sah in der S-Card die einmalige Chance für die Sparkassen, die Dominanz der Deutschen Bank zu brechen. 

Das sorgte indes nicht nur in Kreisen der Großbanken für Unmut. Auch in den eigenen Reihen geriet Starke immer mehr unter Beschuss. Der damalige Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Helmut Geiger, legte großen Wert auf ein harmonisches Verhältnis zu den anderen Banken. Das manager magazin formulierte diese Haltung einmal wie folgt:
Der gern über den Klippen des Tagesgeschäfts schwebende Präsident hielt die offiziellen Reden und legte größten Wert darauf, mit den Spitzen des privaten Bankgewerbes in Harmonie zu dinieren. (in: Rausschmiss des Rebellen, mm 12/87)
Starke verkörperte demgegenüber das fast schon genaue Gegenteil, so mm:
Geschäftsführer Starke pflegte eine Stufe tiefer derweil eine rauhere Gangart. Die Dominanz der im deutschen Bankwesen alles bestimmenden Deutschen Bank war für den Ex-Commerzbanker auch nach seinem Wechsel zur Sparkassenseite 1976 das größte Ärgernis. Wann immer sich Gelegenheit bot, sich mit kleinen Sticheleien mit den Großbanken anzulegen - Starke ließ keine aus (ebd.).
Leicht nachzuvollziehen, dass die Haltung in der damaligen Deutschland AG der eigenen Karriere nicht unbedingt zuträglich war, eine Einschätzung, die auch heute wohl noch gelten dürfte. 

Jedenfalls gewann nicht nur bei Geiger irgendwann die Harmoniesucht die Oberhand und Geschäftsführer Starke wurde vor die Tür gesetzt. Grund dafür war auch, dass Starke den technischen Aufwand für die Einführung der S-Card unterschätzt hatte. 
Im Gegensatz zu seinen verbandsinternen Beteuerungen "stand" die Organisation zwischen den einzelnen Sparkassen nicht, so gut sie technisch ausgerüstet waren. Die Sparkassen hatten zu diesem Zeitpunkt ihre rote S-Card zwar bundesweit eingeführt, doch von einer Nutzung als Kreditkarte und Zahlungsmittel auf nationaler Ebene konnte nicht die Rede sein: Der Computerverbund der regionalen Sparkassen untereinander funktioniert nicht (ebd.).
Damit war das weitere berufliche Schicksal Starkes besiegelt. Den letzten Ausschlag gab seine Weigerung, die Herabstufung der S-Card als reine Hauskarte der Sparkassen zu akzeptieren. Als Sparkassenpräsident Geiger Starke erklärte "Ich will mit Ihnen nicht mehr zusammenarbeiten", war die Beziehung Starke-Sparkassen an ihr Ende gelangt. 

In der Bankenwelt traten wieder Ruhe und Harmonie ein. Im August 1987 einigten sich die deutschen Banken auf ein gemeinsames Plastikgeld, wie der Spiegel berichtete. 

Die Deutsche Bank gab weiter den Ton an und ging derweil im internationalen Geschäft eigene Wege; ein Kurs, der sich als verheerend erweisen sollte. 

So kennt diese Geschichte eigentlich nur Verlierer. Die Sparkassen haben damals die Chance verspielt, sich aus dem Harmonieverbund zu lösen und sich an die Spitze der technologischen Entwicklung zu setzen, wenngleich die Risiken damals unterschätzt wurden. Der Spirit von damals ist jedenfalls verschwunden, Sparkassen und Banken nur noch Zaungäste der technologischen Entwicklung im Banking, obschon das einige Branchenbeobachter und Journalisten/Blogger anders sehen mögen. 

Noch im Jahr 1992 waren die Zweifel in den Banken und im Handel groß, ob sich der bargeldlose Einkauf in Deutschland durchsetzen werde, wie der Spiegel in Der bargeldlose Einkauf hat sich bisher nicht durchgesetzt, ein neues System soll Abhilfe schaffen schrieb. In dem Beitrag braucht man eigentlich nur die Begriffe ersetzen und man erhält ein realitätsnahes Bild der aktuellen Diskussion um die Chancen mobiler Bezahlverfahren in Deutschland. Die Geschichte hat hier jedenfalls gezeigt, dass die Bedenken ausgeräumt werden konnten und Deutschland keinen Sonderweg einschlug; jedenfalls nicht in der Weise, wie einige damals meinten. Ich wage die Behauptung, dass sich die Geschichte auch dieses Mal wiederholen wird ;-)

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