Donnerstag, 10. Dezember 2015

Bankstil - Jahresrückblick 2015

Von Ralf Keuper

Das Jahr liegt fast hinter uns - Zeit, die Ereignisse der vergangenen Monate im Banking Revue passieren zu lassen.

Auf diesem Blog war der Stilwandel im Banking in den letzten Jahren in vielen Beiträgen ein Thema. Die Evidenz, d.h. die Zahl der Belege, die für einen Stilwandel im Banking sprechen, hat auch in diesem Jahr weiter zugenommen. Sie kommen aus nahezu allen relevanten Bereichen des Banking. 

Sparkassen, Volksbanken und Geschäftsbanken: Weiterer Bedeutungs- und Ansehensverlust

Spätestens seit der Finanzkrise ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Banken schwer erschüttert. Obschon nicht alle Banken in derselben Weise an den Verfehlungen Anteil hatten, insbesondere die Volksbanken und Sparkassen, leidet die Reputation der Branche weiterhin. Maßgeblich dazu beigetragen hat sicherlich die Deutsche Bank, die kaum aus den negativen Schlagzeilen heraus kommt. Wer die Bank noch aus den 1980er Jahren kennt, hätte nie gedacht, dass ein Institut mit diesem Renommee einst so tief sinken könnte. Begleitet wird der öffentliche Zerfallsprozess von einem drastischen Sparkurs und Strategieschwenk sowie einem Wechsel an der Spitze der Bank. Es ist fraglich, ob die Korrekturen der letzten Monate ausreichen werden, um die Deutsche Bank als Universalbank zu erhalten. Schon jetzt lässt sich festhalten, dass die guten Zeiten für die Deutsche Bank unwiederbringlich dahin sind.
Verglichen damit ist die Lage der Regionalbanken, d.h. der Sparkassen und Genossenschaftsbanken, geradezu idyllisch. Dieser Eindruck wird jedoch durch die wachsende Zahl von Fusionen und Filialschließungen revidiert. Insbesondere die Sparkassen sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt, u.a. deshalb, da nur schwer kommunizierbar ist, wie Filialschließungen, Gebührenerhöhungen, Schieflagen einiger Institute und die üppigen Vorstandsgehälter zusammen gehen. Hinzu kommen noch Spannungen im eigenen Lager, wie sie u.a. bei der Diskussion um den gemeinsamen Haftungsverbund in die Öffentlichkeit drangen. Die Zukunft der Landesbanken, die Frage nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell wie überhaupt die nach der noch benötigten Anzahl der Institute wird uns auch im kommenden Jahr beschäftigen, ohne dass wir einen Durchbruch erwarten können.
Da sind die Genossenschaftsbanken weiter, wie die Fusion der DZ Bank mit der WGZ Bank zeigt. Die Ausgangslage der Genossenschaftsbanken ist derzeit zweifellos günstiger als die der Sparkassen. Den Sparkassen gelingt es nicht, die vielen Teile zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden, das betrifft vor allem den Bereich IT/Payments. Eine klare Strategie ist für Außenstehende nicht bzw. kaum zu erkennen. Augenfällig wurde das im Zusammenhang mit der Beteiligung an dem Online-Bezahlverfahren PayDirekt.

So unterschiedlich die Geschäftsmodelle und Strategien der Banken auch sind, so sehr ähneln sich die strukturellen Probleme. Die Universalbank alten Stils, daran führt kaum noch ein Weg vorbei, ist so auf Dauer nicht mehr profitabel zu betreiben. Entweder man geht ins hohe Risiko oder aber dreht an der Kostenschraube und erhöht die Einnahmen z.B. über Gebühren -  oder alles gleichzeitig. Das strukturelle Problem lässt sich dadurch jedoch nicht mehr beheben. Das Geschäftsmodell der klassischen Bank befindet sich in der Auslaufphase. Die Digitalisierung ebenso wie die aktuelle Niedrigzinsphase und die Regulierung verstärken diesen Trend nur, d.h. sie lassen die Defizite offen zu Tage treten. Weitaus schwerwiegender für die Zukunft der Banken ist der Medienwandel, der dazu geführt hat, dass Anbieter in das Stammgeschäft der Banken drängen, die selber keine (Voll-)Bank sein wollen. An keiner anderen Stelle wird diese Bedrohung so greifbar wie im Bereich Mobile Payments. Der Bedeutungsverlust der Banken in einer ihrer Paradedisziplinen wird in seinen Auswirkungen noch immer unterschätzt. Daran hat sich auch in diesem Jahr nicht allzu viel geändert.

Mobile Payments - Apple Pay u.a.

Als Apple Pay im September letzten Jahres das Licht der Welt erblickte, waren die Stimmen der Skeptiker nicht zu überhören. Auch Apple werde es nicht gelingen, den Mobilen Bezahlverfahren zum Durchbruch zu verhelfen. Verantwortlich wurde und wird der nicht vorhandene Mehrwert der Kunden in Gestalt von Zeitersparnis gemacht. Eine Diskussion, wie sie bereits in den 1980er Jahren bei der Einführung des POS mit den gleichen Argumenten geführt wurde. Festzuhalten ist, dass Apple Pay nach aktuellem Stand eine vergleichsweise geringe Nutzung aufweist. Apple Pay hat den mobilen Bezahlverfahren zwar nicht zum Durchbruch in diesem Jahr verholfen, wohl aber zu einer breiteren Marktakzeptanz, was durch den Markteintritt von Samsung, Google, Microsoft, LG und ganz aktuell Wal Mart eindrucksvoll unterstrichen wird. Von der Verbreitung von Mobile Commerce, wie sie für die nächsten Jahre erwartet wird, werden die Mobilen Bezahlverfahren gewiss profitieren. Der eigentliche Clou des Mobilen Bezahlens besteht ja eben nicht in dem Bezahlvorgang an sich, sondern in den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, d.h. den daran sich anschließenden Services; ein Punkt, den Apple, Samsung und andere vollauf erkannt haben. Mobile Bezahlverfahren mögen auch künftig kaum profitabel zu betreiben sein; die Profitzone wird jedoch mit zusätzlichen Services erreicht und ausgebaut, wozu die Digitalen Ökosysteme derzeit die besten Voraussetzungen mitbringen - etwas, was die Banken und zahlreiche Kommentatoren noch immer nicht erkannt haben bzw. nicht erkennen wollen - verständlicherweise.

PayDirekt - Drama mit Happy End?

Es drohte schon Stoff für ein Drama ohne glücklichen Ausgang zu liefern, da kam der erlösende Livegang von PayDirekt. Bereits lange vor dem Start wurden von vielen Seiten Zweifel an den Erfolgssaussichten von PayDirekt geäußert. Zu allem Überfluss reihte sich der Präsident des Deutschen Sparkassen-und Giroverbandes noch in die Schar der Skeptiker ein. Es wird sich zeigen müssen, ob PayDirekt den anderen Anbietern, allen voran PayPal, entscheidende Marktanteile abjagen kann. Pluspunkte für PayDirekt sind die Sicherheit, wo zumindest ein Vertrauensvorschuss besteht, und die große Kundenbasis.

George Erste Bank - Banken können innovativ sein

Nur wenige Innovationen bzw. innovative Ansätze im Banking kommen derzeit von den Banken selbst. Zu den lobenswerten Ausnahmen zählt George von der Erste Bank. Auf der Suche nach einem Gegenstück in Deutschland geht der Blick ins Leere. 

Blockchain - Letzte Hoffnung für die Banken 

Während Bitcoin noch immer von Geburtswehen geplagt wird, weckt die darunter liegende Blockchain-Technologie auch bei den konservativen Banken Begehrlichkeiten. Einige von ihnen wollen die Blockchain-Technologie für sich nutzen; in erster Linie um Kosten zu sparen. Bei aller Euphorie ist die Frage noch längst nicht geklärt, ob die Blockchain-Technologie die Erwartungen erfüllen kann. Zweifel hat u.a. der Erfinder der Blockchain-Technologie, Nick Szabo. Die Blockchain-Technologie mit ihrer betont dezentralen Philosophie passt nur sehr bedingt zu dem Organisationsmodell der Banken, das nach wie vor von einem Denken in Hierarchien und geschlossenen Systemen gekennzeichnet ist.  Von besonderer Brisanz sind Fragen der Sicherheit und Manipulierbarkeit. Nicht zu unterschätzen sind auch die Investitionen in Hardware und Speicherkapazitäten. 

Fintech ist im Mainstream angekommen

Fintech ist auch in Deutschland endgültig im Mainstream angekommen. Das FinTech-Startup-Ökosystem ist hierzulande in den letzten anderthalb Jahren deutlich vitaler und vielfältiger geworden, was einige Misserfolge nicht ausschließt. Eine wichtige Rolle hat dabei der Mainincubator der Commerzbank übernommen. Trotzdem überrascht es, dass die Klagen vieler Gründer über die Bedingungen am Standort Frankfurt nicht nachlassen. Auch an Events fehlt es nicht mehr, die Vernetzung untereinander hat zugenommen, Protagonisten geben der deutschen Fintech-Szene ein bzw. mehrere Gesichter, wie Spiros Margaris, André Bajorat, Frank Schwab und Peter Barkow. Immer wieder kommt die Frage auf, ob wir uns in einer Fintech-Bubble befinden. Für Aufsehen sorgte ein Interview mit Carsten Maschmeyer, in dem dieser nur 20 Prozent der FinTech-Startups eine Überlebenschance einräumte. Ursächlich dafür sei u.a. das recht entspannte Verhältnis einiger FinTech-Startups zum Thema Regulierung / Compliance. In das gleiche Horn stösst Matthäus Schmidt von der Quirin Bank. Dennoch scheinen wir den Scheitelpunkt noch nicht erreicht zu haben, wenngleich wir m.E. nicht mehr allzu weit davon entfernt sind. 

Digitale Ökosysteme übernehmen die Macht 

Einige Marktbeobachter, darunter auch der Autor, sind der Überzeugung, dass die größte Bedrohung der Banken nicht so sehr von den FinTech-Startups ausgeht, sondern von den Digitalen Ökosystemen, womit Apple, Google, Amazon, Alibaba und Samsung gemeint sind. Den großen Internetkonzernen gelingt es immer besser, die Kunden auf ihre Plattformen zu locken und dort zu (unter-) halten. Da die digitalen Ökosysteme fast alle Services aus einer Hand anbieten können, wird es für die Banken schwieriger, überhaupt noch wahrgenommen zu werden, wie bei den Mobilen Bezahlverfahren. Der Informationsvorsprung der Banken, der aus ihrer herausgehobenen Rolle als Daten- und Informations-Clearingstelle der Wirtschaft resultierte, ist weitgehend verloren gegangen. Die meisten Daten fallen heute auf den Plattformen und in den sozialen Netzwerken an, zu denen die Banken keinen oder nur eingeschränkten Zugang haben. Wir haben es hier mit einer neuen Situation, mit einem Stilwandel, eigentlich Stilbruch im Banking zu tun. Ein Ereignis, dessen Konsequenzen kaum überbewertet werden können. Eine Art Wachablösung. 

Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen: Erste Opfer des Stilwandels im Banking 

Zu den ersten Opfern des Stilwandels im Banking gehören die Hersteller von Geldautomaten und elektronischen Kassensystemen. Allzu lange hatte man bei NCR, Diebold und Wincor Nixdorf darauf vertraut, dass Bargeld weltweit das bevorzugte Zahlungsmittel bleiben werde. Zwar ist das Bargeld im Zahlungsverkehr noch immer stark vertreten, gerade in Deutschland, jedoch nehmen Online- und Mobile Zahlungen kontinuierlich, fast schon sprunghaft, zu. Das betrifft vor allem Asien und Afrika. Mobile Endgeräte, wie Smartphones und Tablet-PCs, vereinigen viele der Funktionen, die bisher in die Zuständigkeit der Geldautomaten und Kassensysteme fielen. Nicht mehr lange und das kontaktlose Bezahlen macht auch die letzten Geldautomaten und Kassensysteme überflüssig, lässt ihre Zahl zumindest weiter signifikant schrumpfen. 

Digitale Identitäten machen Kunden unabhängiger

Zu den Themen, dessen Bedeutung die meisten Banken noch nicht erfasst haben, zählen die Digitalen Identitäten. Künftig, so nicht nur Chris Skinner, werden die Digitalen Identitäten die klassische Bankverbindung und das Bankkonto ablösen. Banken betrachten das Thema Digitale Identität vorwiegend aus dem Blickwinkel ihrer KYC-Prozesse. Dabei geht der Wirkungsgrad weit darüber hinaus, wie die Überlegungen zur Digital Identity 3.0 zeigt. Künftig wird die Anwendung zu den Daten kommen und nicht mehr umgekehrt. Die Kunden werden sich ihrer Verhandlungsposition bewusst, da sie erkannt haben, dass Daten die neue Währung sind.

PSD II - Mehr als nur Regulatorik

Die Umsetzung der regulatorischen Bestimmungen macht den Banken schwer zu schaffen. Der Großteil der IT-Budgets fliesst in diesen Bereich. Für mehr als nur Arbeit könnte in den nächsten Jahren PSD II sorgen. Damit wird Dritten per Gesetz mit Einwilligung der Kunden der Zugang zu allen Informationen zu bestehenden Konten gewährt. Auf Basis dessen haben neue Mitbewerber im Idealfall die Möglichkeit, Services zu kreieren, die den Kunden einen echten Mehrwert liefern. Die Bank wäre nur noch Lieferant. 


Digitale Souveränität - Es war einmal 

In den vergangenen Jahrzehnten konnten die Banken es dabei belassen, technologische Neuerungen in den Bereichen Hardware und Software in ihre Systemlandschaft zu integrieren. Weiterer Anpassungsbedarf bestand nicht. Das lag auch daran, dass die Hersteller der Hardware und Software keine direkten Mitbewerber der Banken waren. Jeder hatte sein klar umrissenes Geschäftsfeld. Die Banken dominierten die Vertriebskanäle, wie Filialen und Online-Angebote. Mit dem Aufkommen mobiler Endgeräte, wie dem Smartphone, verschoben sich die Grenzen. Auf einmal konnte das Smartphone den Weg zur Filiale oder den Besuch der Website ersetzen. Soziale Netzwerke und Messaging-Dienste drängen sich, wie mit den Pay Buttons, zwischen die Kunden und die Banken. Häufig stammen die Messaging-Dienste und die Bezahlverfahren von ein und demselben Digitalen Ökosystem. Einige von ihnen liefern auch die dazugehörige Hardware und Software. Damit haben sie eine Vormachtstellung in den neuen Vertriebskanälen erlangt. Die Banken haben ihre digitale Souveränität über die Jahre verloren. Sie sind von den Betriebssystemen und der Hardware der Internetkonzerne abhängig geworden. 

P2P Kreditplattformen - der Lack ist ab

Bereits in den vergangenen Jahren zeichnete sich ab, dass die P2P-Kreditplattformen unter den Einfluss der institutionellen Anleger geraten würden. Mittlerweile haben Investmentbanken wie Goldman Sachs und Hedgefonds die P2P-Kreditplattformen als weitere Anlageklasse entdeckt

Fazit und Ausblick

Im Jahr 2015 hat sich die Entwicklung der vorangegangenen Jahre fortgesetzt. Fintech hat sich weiter verbreitet, das Stammgeschäft der Banken gerät zunehmend unter Druck, Non-und Nearbank dehnen ihren Aktionsradius systematisch aus, die Banken selber verharren in einer Art Schockstarre oder Abwarteblockade und vertrauen auf ihre Systemrelevanz. Nicht mehr zu übersehen ist der zunehmende Funktionsverlust der Banken, wie er vor allem in ihrer nachlassenden Bedeutung als Clearingstelle der Wirtschaft sichtbar wird. Erschwerend kommt hinzu, dass die Banken ihre digitale Souveränität weitgehend eingebüßt haben. Die Kunden emanzipieren sich weiter. Die alte Strategie der Banken, Kunden vor vollendete Tatsachen zu stellen, wie im Fall von Gebührenerhöhungen, wird nicht mehr allzu lange funktionieren. Die Kunden werden sich des Wertes ihrer eigenen Daten zunehmend bewusst. Parallel dazu nimmt die Zahl an Alternativen zu, die Kosten und Hindernisse für den Wechsel der Bankverbindung sinken. Ein Umstand, mit dem die Banken nur sehr schwer zurecht kommen. Der Kostenapparat der Banken steht mittlerweile in einem unharmonischen Verhältnis zu ihrer Leistung für die Kunden wie überhaupt für die Gesellschaft. Eine bedenkliche Konstellation. Profitieren werden davon andere. 

Auch im kommenden Jahr wird sich die Entwicklung, der Stilwandel im Banking fortsetzen. Noch haben wir einen Übergangsstil. Die Konturen eines neuen Stils, eines originalen Stils, werden langsam sichtbarer. Hauptakteure sind die großen Technologiekonzerne, die zahlreichen Fintech-Startups und nicht zuletzt die Kunden, die sich auch im nächsten Jahr weiter von den Banken emanzipieren werden. 

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