Donnerstag, 17. Dezember 2015

Die Evolution von Fintech

Von Ralf Keuper

Der derzeitige Hype um das Thema Fintech verleitet schnell zu der Annahme, es sei erst vor kurzem zu uns auf die Erde herab gestiegen. Sicher - was das Phänomen der Fintech-Startups betrifft, kann man durchaus von einer neuen Entwicklungsstufe, vielleicht auch Evolutionsstufe sprechen. Wählt man den Begriff der Evolution, dann ergibt sich zwangsläufig eine Blickerweiterung, welche die Vergangenheit mit einschließt. Diesen Versuch unternimmt Falguni Desai in The Evolution Of Fintech. Für ihn beginnt die Geschichte von Fintech im Jahr 1950 mit der Verbreitung von Kreditkarten. Darauf folgten die Geldautomaten, der erste elektronische Börsenhandel, der Mainfame bis hin zum Online-Banking und Mobile Banking unserer Tage.

Diese zeitliche Einteilung kann man so treffen. Letztendlich ist die Formulierung von Zeitschienen eine Frage der persönlichen Perspektive, was völlig legitim ist. 
Jedoch erscheint mir die Zeitspanne, die Desai wählt, ein wenig zu kurz. Freilich: Wenn man es ganz genau nimmt, dann müsste man den Beginn von Fintech, wie im Fall der ersten Registrierkassen, in die Antike verlegen, wie in dem lesenswerten Beitrag The History of Cash Registers. Es ist mit Blick auf das vorliegende Thema nicht ganz uninteressant, dass das erste IT-Unternehmen der Welt NCR war bzw. ist. Das Unternehmen ist noch heute am Markt aktiv. Zusammen mit Diebold und Wincor Nixdorf, demnächst wohl Diebold-Nixdorf, teilt man sich den Weltmarkt für Geldautomaten und elektronische Kassensysteme. Alle drei kämpfen seit Jahren mit dem Aufkommen der online-Zahlungen, wie sie durch die Verbreitung mobiler Endgeräte eine neue Dimension erreicht haben. Es sieht ganz danach aus, als wären NCR, Diebold und Nixdorf die ersten prominenten Opfer des Stilwandels im Banking. 

Wer sich noch weiterhin für die Geschichte von NCR wie überhaupt für Rechenmaschinen interessiert, sei auf folgende Beiträge verwiesen:
Ferner empfiehlt sich ein Besuch im Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF), dem größten Computermuseum der Welt. 

Noch vor dem Aufkommen mechanischer Registrierkassen, in Deutschland waren in diesem Marktsegment neben Nixdorf auch die Anker-Werke AG mit zuletzt 8.000 Mitarbeitern aktiv, verschaffte die Telegrafie dem modernen Bankwesen einen weiteren Schub. Ein Unternehmen der ersten Stunde ist Western Union
Schon im Jahr 1861 errichtete Western Union die erste transkontinentale Telegrafenlinie, lancierte 1871 einen auf dem Telegrafennetz basierenden Service für Geldüberweisungen und führte 1884 den ersten Börsenfernschreiber ein. Es folgten im Jahr 1914 die erste Kreditkarte für Verbraucher sowie 1964 die Einrichtung transkontinentaler Funkverbindungen.
Western Union liebäugelt seit einiger Zeit mit dem "Supergeld" von Ripple Labs. Dadurch könnte die Evolution einen weiteren Schritt machen. 

Das zeigt, dass die Entwicklung im Banking eng mit der in der Telekommunikation und Nachrichtenübertragung zusammenhängt. Später kamen dann die, wenn man so will, Automatenhersteller und die Softwareunternehmen dazu, von letzteren bezogen die Banken u.a. die ersten Kernbankensysteme. 

Bis dahin, d.h. bis in die 1980er und noch 1990er Jahre verlief die Evolution in mehr oder weniger geordneten Bahnen. Die Rollen war klar verteilt: Auf der einen Seite die Technologieunternehmen und auf der anderen Seite die Banken, die - häufig auch in Kooperation mit IT-Unternehmen - die neuen Geräte und Programme in ihre Systemlandschaften integrierten. 

Mit der Verbreitung des Internet verschwommen die einstmals vertrauten Grenzen immer mehr. Die Markteintrittsbarrieren für neue Mitspieler im Banking wurden geringer. Es war und ist nicht mehr zwingend nötig, über eigenen Filialen zu verfügen, nicht einmal mehr eine klassische (Voll-)Banklizenz ist Voraussetzung, um Geldgeschäfte betreiben zu können. Der Zahlungsverkehr, die Geschäftsanbahnung und Abwicklung hat sich in großem Umfang in das Internet und hier besonders auf die Digitalen Plattformen, wie Apple, Amazon und Google verlagert. An die Stelle von Einzelmedien, wie vormals Geldautomaten, Filialen und Online-Auftritte bis hin zum Bargeld, sind Medien der Kooperation, wie soziale Netzwerke, Plattformen und digitale Währungen wie auch die Blockchain getreten. 

Hierbei handelt es sich um eine neue Situation bzw. Stufe. Fintech, so wie es derzeit interpretiert wird, ist hier nur ein Teil, und auf lange Sicht womöglich nicht einmal der entscheidendste. Eher schon handelt es sich um eine Brücken- oder Querschnittechnologie, die demnächst in das Internet of Things eingehen bzw. integriert wird. Banken als weitgehend geschlossene Institutionen haben in diesem Modell keine Zukunft. 

Sicher ist es richtig, wie Desai anmerkt, dass Banken nach wie vor eine wichtige Funktion als Kapitalsammelstelle und als Clearing-House übernehmen. Allerdings ist nicht mehr zu übersehen, dass die Banken ihre dominante Rolle als Clearingstelle für die Informationsströme der Wirtschaft verloren haben. Diese Funktion wird heute von den großen Internetkonzernen ausgeübt. 

Auch künftig wird eine leistungsfähige Bankinformatik, eine sichere Infrastruktur benötigt. Das bedeutet aber nicht, dass auch weiterhin Bedarf an (klassischen) Banken, so wie wir sie heute noch kennen, besteht. Ein mögliches Szenario ist, dass die Banken künftig als Infrastrukuranbieter auftreten, d.h. ins Back End abgedrängt werden. Die ganze Bandbreite von Dienstleistungen einer Universalbank anzubieten, wird sich nicht mehr rechnen - es ist auch technisch nicht mehr zu handhaben. Von der Regulierung ganz zu schweigen. 

Der Selektionsdruck, dem die Banken unterliegen, wird sich verstärken. Die natürliche Umwelt wird für die Banken unwirtlicher. (Vgl. dazu: Banking trifft Evolutionstheorie #1)

Wohin die Evolution von Fintech gehen wird, ist Stand heute nicht abzusehen. Die Hardware wird wohl weiter an Bedeutung verlieren, die Software dagegen noch wettbewerbskritischer werden. Worin aber künftig der eigentliche Mehrwert von Fintech besteht, ist für mich jedenfalls noch nicht erkennbar. Er kann sich jedenfalls nicht auf das Design der Benutzeroberfläche beschränken.

Für Banken können sich neue Chancen ergeben - wie im Bereich der Digitalen Identitäten und überall dort, wo Bedarf an einem Trusted Service Anbieter besteht. 

Weitere Informationen:

Fintech – (R)evolution der Schweizer Finanzindustrie

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen