Samstag, 19. Dezember 2015

Fintech repräsentiert einen Übergangsstil

Von Ralf Keuper

Fintech in seiner jetzigen Form repräsentiert das, was der Kunstphilosoph Friedrich Jodl einmal als Übergangsstile oder gemischte Stile bezeichnete. Diese lassen noch deutlich die Elemente erkennen, die zu ihrem Ausdruck geführt haben und sind daher mehr ein Aggregat als eine neue höhere Einheit.

So sehr auch die Zahl der FinTech-Startups in den letzten Monaten zugenommen hat und so eindrucksvoll die verschiedenen grafischen Darstellungen der Fintech-Landschaft auch sind, so kann dies doch nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich hierbei nur um ein Aggregat, eine Ansammlung handelt, die an der Oberfläche bleiben. Ein leitendes Prinzip, eine übergreifende Idee, die von sich aus zu einer Umgestaltung der Wirklichkeit, d.h. des Banking führen könnte, vermag ich jedenfalls (noch) nicht zu erkennen. Zu groß ist die Abhängigkeit der Fintech-Startups von dem Bestehenden, und hier vor allem von der Infrastruktur, die zum größten Teil von den Banken betrieben wird. Ein Stil, der sich darauf beschränkt, die Oberfläche umzugestalten, verbleibt im Ornamenthaften; keinesfalls kann er dem Gesamtbau einen neuen Sinn verleihen und damit neue Möglichkeiten erschließen, was in diesem Fall neues Geschäft mit echtem Mehrwert bedeutet. An dem Befund ändern auch Begriffe wie Unbundling und Rebundling, so erbaulich sie auch sind, nur wenig. 

Sicher - kein Stil, auch kein originaler, disruptiver entsteht aus dem Nichts und kommt nicht ohne Anleihen bei der Vergangenheit aus. Allerdings kann sich ein neuer Stil im Banking nur dann durchsetzten, wenn er das Geschäft von Grund auf umformt, und das schließt nun einmal auch die schnöde, sichere Transaktionsverarbeitung mit ein. 
Für das Zustandekommen eines neue Stils waren schon in der Vergangenheit neue Arbeitswerkzeuge und -methoden sowie neue Baustoffe verantwortlich. Welche Arbeitswerkzeuge und -methoden setzen die FinTech-Startups ein, die in den Banken nicht zu finden sind? Design Thinking, Agile Softwareentwicklung? Reicht das?

Welche neuen Werkstoffe setzen Fintech-Starups ein -im Gegensatz zu den Banken? Digitale Währungen, Blockchain, Mobile? 

Kann aus der Kombination der Elemente etwas Neues entstehen, dass das alte ersetzen kann?

Welche Zutaten fehlen noch? Wo muss man ansetzen, um das Geschäftsmodell der Banken, so angezählt es auch ist, aus den Angeln zu heben, ohne in eine bedrohliche Abhängigkeit zu ihnen zu geraten?

Haben die Fintech-Startups überhaupt die nötige Schlag- und Finanzkraft? 

Führt man sich die Fragen vor Augen, so wird deutlich, warum die Banken weniger über die Fintech-Startups besorgt sind, als vielmehr über die Internetkonzerne, die gerade dabei sind, ihnen das Wasser systematisch, Schicht für Schicht abzugraben.

Das Geschäftsmodell, der Stil des klassischen Banking hat sich überlebt. Alle Versuche, sie am Leben zu halten, werden letztlich scheitern. Dafür ist der Veränderungsdruck zu groß, die Entwicklung bereits zu weit fortgeschritten und die strukturellen Defizite der Banken zu gravierend. 

Tragen die FinTech-Startups nicht sogar noch dazu bei, diesen nötigen Wandel in den Banken zu verhindern, indem sie die Aufmerksamkeit auf Defizite an der Oberfläche lenken, derweil die Branchen gerade von anderen umgewandelt wird, die das Zeug dazu haben, einen neuen, originalen Stil zu begründen?

Weitere Informationen:

Eine kleine Stilgeschichte des Banking #1



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