Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der Bankier Siegmund Warburg, oder: Die zeitlose Philosophie der Hochfinanz

Von Ralf Keuper

Der deutsch-britische Bankier Siegmund Warburg verkörpert wohl nicht nur für den Historiker Neill Ferguson das, was man in der Finanzgeschichte als Hochfinanz, High Finance oder Haute banque bezeichnet.  Zwar gab es schon Biografien, die sich mit dem aus der Hamburger Bankiers-Familie Warburg stammenden Ausnahme-Bankier beschäftigten, wie Siegmund G. Warburg. Das Leben eines großen Bankiers von Jacques Attali; allerdings, so Ferguson, handelt es sich dabei mehr um anekdotenhafte Erzählungen; die eigentliche Leistung Warburgs für das Banking gehe dabei unter. Mit seinem Buch High Financier: The Lives and Time of Siegmund Warburg will Ferguson diesen Misstand beheben und dem Bankier Siegmund Warburg als jemanden vorstellen, dessen Geschäftsprinzipien nicht aus der Mode gekommen sind. Die Besinnung darauf täte, so Ferguson bei der Vorstellung seines Buches in New York, angesichts der Finanzkrise von 2007/2008 dringend not.  


Für Ferguson hat Siegmund Warburg mit seinen geschäftlichen Innovationen maßgeblichen Anteil am Wiederaufstieg Londons nach dem zweiten Weltkrieg zur neben New York weltweit führenden Finanzmetropole.  

In seinen Aufzeichnungen hielt Warburg den Unterschied zwischen dem transactional und dem relationship banking fest: 
transactions 
Channelling big sums of money from certain quarters which had a surplus to certain other quarters where there was a scarcity of funds .. trading in money and of moving funds. 
relationship 
Changing and adjusting management and capital structures of industrial and financial businesses to alterations in our environments. 
Personally, I am not interested in the waves of despondency and enthusiasm. These are appropriate for people who look upon matters purely from a Stock Exchange point of view ... However, if we want to succeed, we must make up our mind to follow a policy of establishing new values and new procedures rather than to act mainly as traders and sellers of securities which we find relatively easy to dispose of. In others words, we must be aware that we are primarily bankers and only secondarily Stock Exchange traders (1964)
Warburg revolutionierte das Banking, indem er u.a. mit der bis dahin gängigen Club-Atmosphäre aufräumte und an ihre Stelle ein gleichberechtigtes, partnerschaftliches Zusammenarbeiten setzte. 
Sehr zu seiner Überraschung, so Ferguson, tauchen in Warburgs unzähligen Memoranden keine Hinweise auf Profite, Margen oder gar Bonuszahlungen auf. Erst während der weiteren Recherche wurde Ferguson klar warum, als er auf die von Warburg formulierten Prinzipien (Haute banque principles) eines erstklassigen Private Bankiers stieß:  
The important elements of a first class private banking business (1953)
  1. Moral standing
  2. Reputation for efficiency and high quality brain work
  3. Connections
  4. Capital funds
  5. Personnel and organization 
Am wichtigsten war für Warburg der erste Punkt:
Moral standing 
The basic conception of our firm has always been founded on the following principles: success from the financial and from the prestige point of view, important and self-understood as it is, is not enough; what matters even more is constructive achievement and adherence to high moral and aesthetic standards in the way in which we do our work. (1959)
Werden die genannten Prinzipien eingehalten, stelle sich der Gewinn quasi als natürliche Nebenfolge von selbst ein. 
Am Leben und Wirken von Siegmund Warburg wird auch der Stilwandel im Banking sichtbar, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, und für den der Wechsel vom relationship banking hin zum transactional banking kennzeichnend ist. Dieser Stilwandel fand seinen ersten spektakulären Ausdruck beim Untergang von Salomon Brothers. Weitere folgten, wie wir wissen. Für Warburg, so Ferguson, war das Transactional Banking Vorläufer des Relationship Banking, wenngleich das auf den ersten Blick verwundern mag. 
Die Frage ist, wie sich in der Digitalmoderne ein Banking, das den Prinzipien des Relationship Banking nahe kommt, betreiben lässt. Geht das überhaupt noch? Zeigt nicht das Robo Advising, das die Zeiten des persönlichen Kontakt zum Kunden selbst im Private Banking vorbei sind? Oder aber kann mittels Technologien der alte Zustand wenigstens ansatzweise wiederhergestellt werden? Ohne einen weiteren, tiefgreifenden Stilwandel wird das nicht gehen. 

Weitere Informationen:

High Financier: The Lives and Time of Siegmund Warburg by Niall Ferguson

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