Donnerstag, 31. Dezember 2015

Von pluralistischer Ignoranz und Gestaltungshemmung (Karl Weick)

Eine dieses ganze Buch durchziehende Annahme ist es, dass Manager oft viel weniger über ihre Umwelten und Organisationen wissen, als sie annehmen. Ein Grund für diese Unvollkommenheit des Wissens liegt darin, dass Manager unbewusst und insgeheim miteinander übereinkommen, Tests zu vermeiden. Und sie entwickeln detaillierte Erklärungen, warum Tests vermieden werden müssen, warum man unter mutmaßlich gefährlichen Rahmenbedingungen nicht handeln dürfe/könne. Der Ungläubige, der Unbelehrte, der Neuling, die von der mit Gefahrenstellen übersäten Ursachenkarte wenig beeinflusst werden, stapfen dort hinein, wohin die Vermeider zu gehen fürchten. Wenn sie hineingestapft sind, finden sie heraus, dass die Furcht der Vermeider unbegründet war oder dass sie begründet ist; und in diesem Fall bringt ihr Scheitern den Vermeidern stellvertretende Erfahrung.
Der Punkt ist, dass die gewaltige Menge an Unterhaltung, Sozialisierung, Konsensbildung und stellvertretendem Lernen, die unter Managern häufig abläuft, in pluralistischer Ignoranz resultiert. Gestaltungshemmung ist die Ursache. Jede Person beobachtet, dass jemand anderes bestimmte Vorgehensweisen, Ziele, Sätze und Zerstreuungen meidet, und schließt, dass diese Vermeidung durch "reale" Gefahren in der Umwelt begründet ist.  Der Beobachter profitiert von von der Lektion dadurch, dass er diese Handlungen und ihre mutmaßlichen Konsequenzen dann selbst vermeidet. Da diese Ereignisfolge stets auf neue wiederholt wird, schließen die Manager, dass sie mehr und mehr über etwas wissen, was keiner von ihnen unmittelbar erfahren hat.  Dieses Gefühl von Wissen wird gestärkt dadurch, dass jeder die gleichen Dinge zu sehen und zu meiden scheint. Und wenn alle über irgend etwas einer Meinung sind, dann muss es auch existieren und wahr sein. 
Wenn die Leute ihre Umgebung verändern wollen, müssen sie sich selbst und ihr Handeln ändern - nicht jemand anderen. Wiederholtes Scheitern von Organisationen beim Lösen ihrer Probleme erklärt sich teilweise aus der Unfähigkeit, ihre eigene Bedeutung innerhalb ihrer eigenen Umwelt zu verstehen. Probleme, die nie gelöst werden, werden deshalb nie gelöst, weil die Manager fortwährend mit allem herumexperimentieren, außer mit dem, was sie selbst tun.
Quelle: Der Prozess des Organisierens von Karl Weick

Weitere Informationen:

Von pluralistischer Ignoranz und Gestaltungshemmung im Banking

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