Donnerstag, 28. Januar 2016

Warum das Verschwinden der Deutschland AG einen Stilbruch im (deutschen) Banking bedeutet

Von Ralf Keuper

In dem letzten Beitrag auf diesem Blog ging es um die Suche der Deutschen Bank nach einer neuen Bestimmung. Im Zentrum stand dabei das Verschwinden bzw. Schwinden der sog. Deutschland AG während der 1990er Jahre, dessen Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der großen Privatbanken in Deutschland, womit die Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank gemeint sind, nach meinem Eindruck noch unterschätzt wird. 

Die Deutschland AG war im internationalen Vergleich insofern ein Sonderfall, als dass hier eine enge kapitalmäßige und personelle Verflechtung zwischen Industriekonzernen und Banken gegeben war. Einzig in Japan mit seinen Keiretsu können wir ein ähnliche Konstellation für den Zeitraum beobachten. Die Deutschland AG war Ausdruck des Wirtschaftsstils der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegszeit, häufig unter dem Begriff Rheinischer Kapitalismus zusammengefasst. Kein andere Bankier dieser Zeit hat diesen Wirtschaftsstil so repräsentiert wie Hermann-Josef Abs. Abs war enger Vertrauter von Bundeskanzler Konrad Adenauer und stand auch mit dessen Nachfolgern im Amt auf vertrautem Fuss. Die Anhäufung von Aufsichtsratsmandaten, die Abs ausübte, führte im Jahr 1965 zur Verabschiedung der sog. lex Abs. Treibende Kraft war der Textilfabrikant und führende CDU-Politiker Rembert van Delden. Abs umschrieb die Bestrebungen seiner Kritiker auf die für ihn typische Art mit "Pipi" (Propter individia et propter ignorantia = aus Neid und Unwissenheit). 

Der große Vorteil der Deutschland AG für die großen Privatbanken durch die Vernetzung bestand u.a. darin, dass sie auf Informationen quasi aus erster Hand zurückgreifen konnten - ganz ohne Big Data. Auf diese Weise war die direkte Verbindung zur viel zitierten Realwirtschaft gegeben. Abs brauchte kein Big Data - er war in gewisser Hinsicht "Big Data". 

Heute versuchen die Banken diese Stellung zurückzuerlangen, u.a. mittels Big Data. Allerdings hat sich die Situation gewandelt: Heute nehmen andere die Rolle der Informations-Clearingstelle der Wirtschaft ein, wie die großen Internetkonzerne. Den direkten Draht zu den Unternehmen haben heute eher die Investmentbanken (Corporate Advisory). Die Unternehmen gehen in der Finanzierung zunehmend eigene Wege. 

Die Universalbanken alten Stils in Deutschland stehen vor dem Dilemma, dass ihr Geschäftsmodell in seinem Kern noch immer aus der Zeit der Deutschland AG stammt. Der Versuch, über den Einstieg in das Investmentbanking, in den Handel, das beschriebene Manko zu überwinden, ist fehlgeschlagen. 

Eine neue Zeit, ein neuer Stil im Banking ist angebrochen. Prägende Stilemente sind u.a. Algorithmen (Scoring, Matching), Mobile Payments/Mobile Wallets, Open APIs, digitale Währungen/Blockchain, sowie soziale Innovationen wie Crowdfunding, neue regulatorische Bestimmungen (PSDII) und ein Wertewandel (Millenials). 

Eine schlüssige Antwort der ehemaligen Großbanken steht noch aus, wobei die Commerzbank nach meinen Eindruck hier schon weiter ist als die Deutsche Bank. 

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