Mittwoch, 24. Februar 2016

Fintech: Teil der Revolution, nicht "die" Revolution

Von Ralf Keuper

Bei der Einschätzung der disruptiven Wirkung von Fintech gehen die Meinungen auseinander; weitgehende Einigkeit herrscht indes, wenn es um die Frage geht, ob es sich hierbei um ein vorübergehendes Phänomen handelt oder um etwas Dauerhaftes: Nach Stand der Dinge ist Fintech mehr als nur ein Symptom. Daraus folgt jedoch (noch) nicht, dass Fintech eine Revolution repräsentiert oder eine werde könnte. Eine neue Kategorie hat Fintech, abgesehen von der Bezeichnung, bisher nicht begründen können, d.h. Fintech ist für sich alleine nicht überlebensfähig, ist auf Strukturen angewiesen, die es (in ihrer Mehrzahl) eigentlich überflüssig machen will, wie die Banken-Infrastruktur. Dazu zählt aber auch die Regulierung, die dafür sorgt, dass die Fintech-Startups ihre Experimente, ihre Gehversuche in einem halbwegs geordneten Umfeld unternehmen können. Fintech ist eine Mischung aus Prozessinnovationen und Produktinnovationen. Ein durchschlagender Erfolg, die ultimative "Killer App", ist bisher noch nicht auf der Bühne erschienen. 

Wo lässt sich Fintech aus Sicht der Technik- und Wirtschaftsgeschichte einordnen? Welche Parallelen, Erklärungsmuster lassen sich finden?

Beginnen wir mit einer Erfindung, die unser aller Leben prägt, wie kaum eine andere: Gemeint ist der Verbrennungsmotor, der von dem Kaufmann (!) Nicolaus August Otto erfunden wurde. Ottos Viertakt-Verbrennungsmotor steht für den Beginn der Motorisierung und für Ablösung des Dampfmaschinenzeitalters. Der Motor erschloss völlig neue Einsatzfelder: 
Die Ausbreitung des Motors und damit der Aufbau der Motorenindustrie beruhte einerseits auf der technischen Reife des Motors, andererseits auf seiner besonderen Eignung für bestimmte Zweige der Industrie und des Verkehrs. Es war kein Ersatz der Dampfmaschine, sondern eine Kraftmaschine eigener Art, die der Mechanisierung neue Gebiete erschloss. (in: Kraft für die Welt)
Das Zeitalter der Mechanisierung war angebrochen. Jahrzehnte später legten John von Neumann und seine Mitarbeiter am Institute for Advanced Study den Grundstein für die Digitalisierung. Die legendären "Fairchild Eight" um Robert Noyce und Gordon Moore sollten der Digitalisierung, wie wir sie heute kennen, mit der Entwicklung des integrierten Schaltkreises den entscheidenden Schub verleihen. Der integrierte Schaltkreis ist so etwas wie der Verbrennungsmotor der Digitalmoderne. 

James Meindl schreibt dazu: 
Ich glaube, niemand wird bestreiten, dass Eisen der wichtigste Werkstoff der Industriellen Revolution war. Entsprechend ist Silicium der Schlüsselwerkstoff der Computer-Revolution. Wie Silicium nach Dotierung mit Verunreinigungsatomen das Ausgangsmaterial für einen integrierten Schaltkreis bildet, wurde Eisen mit anderen Elementen zu Stahllegierungen veredelt. Die Reihe von Analogien lässt sich mühelos erweitern, wenn man auch die Bauelementebene (Transistor/Kolben), die Schaltkreisebene (integrierter Schaltkreis/Verbrennungsmotor) und die Systemebene (Computernetz/Transportsystem) einbezieht. (in: Chips für künftige Computergenerationen, aus: Computersysteme , hrsg. von Jörg H. Siekmann).
Wo stehen wir heute?  

Viele glauben, dass die Blockchain-Technologie den integrierten Schaltkreis als Verbrennungsmotor der Digitalmoderne ablöst. In Blockchain Won't Make Banks Any Nimbler zieht Saifedean Ammous den Vergleich mit der Motorisierung und dem ersten Automobil von Carl Benz. Der Motor sorgte dafür, dass die Personenbeförderung schneller wurde, nicht jedoch die Pferde. Auch wenn sich die technischen Probleme bzw. Restriktionen der Blockchain beheben lassen, folgt daraus noch nicht automatisch, dass das Banking effizienter wird, solange sich an dem Umfeld, sowohl in technischer wie auch in sozialer Hinsicht, nichts grundlegend ändert. Das würde jedoch ganz neue Geschäftsmodelle und Anwendungen zur Folge haben, ähnlich wie zu Beginn der Motorisierung. Die heutigen wären nur Vorläufer. 

Einen Ausblick liefert der Beitrag What’s Next in Computing? Das größte Potential sieht der Autor Chris Dixon im Bereich Künstliche Intelligenz, also in etwa das, was derzeit unter dem Schlagworten Deep Learning und Machine Learning kursiert:
We’ll soon see significant upgrades to the intelligence of all sorts of products, including: voice assistants, search engines, chat bots, 3D scanners, language translators, automobiles, drones, medical imaging systems, and much more.
In dem Beitrag wird Kevin Kelly mit den Worten zitiert:
The business plans of the next 10,000 startups are easy to forecast: Take X and add AI. This is a big deal, and now it’s here.
Das klingt schon mehr nach einer Revolution. Fintech wäre nur ein Teil davon. 

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