Freitag, 8. April 2016

Brauchen wir ein neues Verständnis von "Disruption" im Banking?

Von Ralf Keuper

Der Begriff "Disruption" fällt in Diskussionen um die Zukunft des Banking für gewöhnlich recht früh. Dabei ist nicht immer klar, was genau unter "Disruption" zu verstehen ist: Die Veränderung einer ganzen Branche von Grund auf, die Einführung einer neuen App, die einer bisher von den Banken vernachlässigten Funktion zu neuer, ungeahnter Bedeutung verhilft (PFM, Credit Scoring, P2P Payments)? 

Auf dieses Dilemma macht Peter Vander in How to avoid simplistic conversations on disruption? aufmerksam. 
Meiner Ansicht nach geht die Disruption im Banking vor allem von den großen digitalen Plattformen aus, die in der Lage sind, die einzelnen Teile zu einem (neuen) Ganzen zu verbinden, d.h. sie konzentrieren sich weniger auf die Verbesserung einzelner Funktionalitäten, sondern auf das Zusammenspiel der Komponenten, wie das in besonderer Weise Apple vorexerziert (Dazu: Das neue Gesicht der Disruption). Im Fall von Apple kommt noch der Punkt der "Systeminnovation" hinzu. 

Vander ist der Meinung, dass wir uns vom Plattform-Kapitalismus zum Plattform-Korporatismus (platform co-operativism) bewegen müssen. Dessen Kennzeichen sind:
  • Instead of talking about optimized correspondent banking, the conversation should be one of collaborative/cooperative banking.
  • Instead of talking about optimized securities lifecycles and settlement, the conversation should be one of collaborative/cooperative securities markets.
Vander empfiehlt als Mittel, um die Zukunft bewältigen zu können, die Forward Compatability. Darunter versteht er:
  • How you rally the main stakeholders of the ecosystem into a rigorous system and process innovation? Process innovation is different from process-, datamodel-, or messaging standardization. It is not about standardizing the existing and guaranteeing backwards compatibility with the existing. It is about co-creating a new reality.
  • How you promote the evolution from the current model to the future model? In the case of distributed ledger technologies for example, it is not about a tabula rasa that will eradicate the existing, but how one evolves from for example a messaging hub-and-spoke paradigm towards business objects and lifecycles in the cloud, initially probably in one central database (one node), and then evolve to a peer-to-peer networks of many distributed databases or nodes (remember the Digital Asset Grid?)
  • How to bootstrap this new reality taking into account the network effects to be created and promoted in the new P2P reality.
Als weiteres, übergeordnetes Ziel nennt er wenig später "evolving social fabric and convention". 

Was sich mir nicht erschließt, ist, was genau er unter einem collaborative banking versteht. Ist das jetzt eine Vereinigung im Netz, die, weitestgehend frei von Hierarchien, im Sinne des Ganzen bzw. des Neuen Ganzen kooperieren? Nur - was ist das Ganze? Einerseits räumt er ein, dass nichts Neues entstehen kann, ohne von den alten Strukturen auszugehen, andererseits aber soll dann etwas völlig Neues entstehen. Kann es sein, dass an die Stelle der Disruption andere, ebenso vage Begriffe treten? Einerseits sollen Hierarchien und Standards überwunden, andererseits aber die Mitglieder des Ökosystems in ein rigoroses System aus Prozessinnovationen gepresst werden? Geht das ohne Hierarchie, ohne Macht? Wohl kaum. Wenn, dann man muss m.E. zur Erklärung Anleihen bei der Esoterik machen. 

Bis auf weiteres halte ich die klassische Definition disruptiver Innovationen von Christensen, allen Defiziten zum Trotz, ebenso wie das Konzept des Dominanten Designs von Utterback wie auch das Modell der Systeminnovation von Weisshaupt und die Gedanken zur Plattformökonomie für geeigneter, um den Wandel besser verstehen zu können, der sich momentan auf fast allen Gebieten in Wirtschaft und Gesellschaft, und damit auch im Banking, abspielt. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen