Mittwoch, 11. Mai 2016

Déjà-vu: Konvergenz von Banken und Telkos

Von Ralf Keuper

Die Diskussion um die Konvergenz von Banken und Telekommunikationsunternehmen gehört neben der um die Verschmelzung vom Banken- und Versicherungsgeschäft (Allfinanz) zu denen, die in regelmäßigen Abständen auftauchen, um nach relativ kurzer Zeit wieder von der Bildfläche zu verschwinden und dem Betrachter ein weiteres Déjà-vu bescheren. 

Im Jahr 2001 veröffentliche die Unternehmensberatungsgesellschaft Booz & Company den auch heute noch lesenswerten Beitrag Why Banks and Telecoms Must Merge to Surge. Lesenswert auch wegen der Aussagen, die man fünfzehn Jahre später durchaus als weitsichtig bezeichnen kann, ebenso aber aufgrund der Annahmen, die sich nicht bestätigt haben.

Zu letzteren zählt die Aussage, Banken und Telkos hätten angesichts der Verbreitung des Internet und neuer Anbieter keine andere Wahl, als zusammen zugehen. Zwar räumten die Autoren ein, dass alle bisherigen Versuche branchenfremder Anbieter, die Banken aus ihrem Stammgeschäft zu verdrängen, weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben seien:
However, none of the banks’ challengers have put together the combination of customer value, convenience, and trust necessary to be an effective alternative. Banks have been protected mainly by a strong hold over payments, branch banking, and deposit insurance systems, as well as sheer consumer inertia.
Nun aber sei der Zeitpunkt gekommen, der kein weiteres Zögern mehr erlaube. Es handelte sich um nichts weniger als um die "Große Transformation". 
The epicenter for a transformation of consumer banking will be the convergence of banking and telecommunications players, as well as Internet service providers and Web portals. The conventional intra-industry consolidation that has preoccupied the telecom and banking sectors for the past few years will run its course, and as it does so, atypical communications and financial services partnerships, aimed at creating new forms of competition, will accelerate.
Damit lagen sich gar nicht mal so falsch - nur waren es nicht die Telkos, die für neue Allianzen im Banking gesorgt haben, mit einigen Ausnahmen wie bei M-Pesa. Die Prognose hinsichtlich neuer Internetunternehmen, die ins Bankgeschäft drängen, hat sich dagegen bewahrheitet, man denke nur an Google, PayPal, Amazon, Apple und Alibaba. 

Als Hauptargument für eine Konvergenz von Banken und Telkos führten die Autoren die Infrastruktur der Telkos an, die prädestiniert für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und weiterer Dienstleistungen sei; dies gelte insbesondere für die Mobiltelefone, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft seien. 
By contrast, financial content is well suited to the mobile phone. Even though the screen isn’t as easy on the eyes as an ATM or a PC monitor, it’s still large enough for consumers to check balances, pay bills, move money among accounts, and perform just about any other routine banking transaction. As voice recognition and 3G wireless technology develops, accomplishing such tasks on a mobile device will become even easier. Consumers can carry a checkbook anywhere and use idle moments to write checks and tally balances. But what’s missing, and what wireless delivers, is the interactivity to perform transactions on the spot. ...
Whereas Internet banks seem to be too great a leap for people to make, wireless finance is a direct and natural extension of the way the typical consumer takes care of finances today. Most people are comfortable banking by phone; paying for a meal in a restaurant, or a shirt in a department store, with a mobile phone instead of a credit card hardly seems a stretch.
Die Autoren erwähnten bereits den Einsatz von Sprachassistenten. 

In dem Beitrag werden einige Kooperationen zwischen Banken und Telkos erwähnt, die zu dem Zeitpunkt bereits gebildet waren oder kurz vor der Vollendung standen, darunter das Joint Venture zwischen Telefonica und BBVA, deren gemeinsame Lösung den Namen Movilpago trug. So richtig in Schwung scheint es nicht gekommen zu sein. Als weiteres Beispiel brachten die Autoren das Gemeinschaftsprojekt von Vodaphone/Mannesmann und der Deutschen Bank, sowie der Telecom Italia mit der Banco di Roma.

Zu dem Erfolg der Initiativen lässt sich so viel sagen, dass die Konvergenz bis heute nicht die prognostizierten Wirkungen erzielt hat - von einer Umwälzung des Marktes kann keine Rede sein. 

Seit 2001 haben sich die Erfolgsaussichten für das Zusammengehen von Banken und Telkos nicht verbessert, eher verschlechtert. In der Zwischenzeit sind neue Anbieter auf der Bildfläche erschienen, die wie PayPal den Online-Zahlungsverkehr besetzt haben oder wie Apple mit dem Smartphone und Apple Pay das Gerät und die Software aus einer Hand anbieten; von Google, facebook und Alibaba ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen: Die Fintech-Startups, wie beispielsweise Stripe im Bereich Payments. Den Vorteil des großen Kundenstamms haben die Telkos gegenüber den sozialen Netzwerken und Messaging-Plattformen eingebüßt. Eigentlich hätte man hier die große Konvergenz erwarten sollen; stattdessen haben Neulinge, wie facebook und Tencent, den Messaging-Markt erobert. 

Und nun soll das Banking reif für die Konvergenz mit den Telkos sein, wo es doch bereits in weitaus günstigeren Zeiten nicht gereicht hat?

Dieser Ansicht ist Arthur D. Litte in Convergence of banking and telecoms. Im Grunde die alten Argumente an die neue Zeit angepasst. 
Within these industries’ convergence, different approaches exist depending on the degree of partnership/competition and drivers for value creation (see figure at the bottom of page 3). Even though the generation of financial products – assumption of risk, capital management and regulation – has remained the core responsibility of banks, telecom companies could play a disruptive role, especially for transactional activities, following their simpler product/service philosophy. For further development into the financial world and broadening their offering, telecom operators will need to enter the banking space by acquiring bank licenses or small digital banks. For banks, they could launch MVNOs to leverage opportunities for customer mobility and channel control.
Da waren die Kollegen von Booz & Co 15 Jahre zuvor schon weiter. Das Beispiel von T-Mobile in den USA zeigt, dass es scheinbar noch immer unsichtbare Grenzen gibt, die eine Konvergenz von Banken und Telkos, so  zwingend sie auf dem Papier auch sein mag, verhindern. Die Gründe dafür herauszufinden, wäre interessant. 

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