Dienstag, 31. Mai 2016

Ethereum & DAO: Die digital entfesselte Spekulationsmachine?

Von Ralf Keuper

Eine weitere Episode aus der Serie: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten ... Gemeint ist das Projekt DAO (Decentralized Autonomous Organization), mit weit über 150 Millionen Euro eingesammeltem Kapital das derzeit größte Crowdfunding-Projekt. DAO versteht sich als vollelektronische, dezentrale Investmentfirma. 

Bei der Bewertung gehen die Meinungen auseinander. Für die Blockchain-Enthusiasten steht DAO für eine Revolution. Im Zentrum stehen die sog. Smart Contracts, elektronische Verträge, die nicht mehr an menschliches Handeln gebunden sind, sondern automatisch, auf Basis von Softwarecodes, ausgeführt werden. Damit ist nach Ansicht der DAO-Gründer die alte Vertragstheorie aus der BWL weitgehend hinfällig. Ergänzt wird das durch ein E-Voting-System, mittels dessen die Anleger über die Investments abstimmen. 

ZEIT-Autor Hannes Grassegger schreibt resümierend in Die erste Firma ohne Menschen:
Auf jeden Fall ist das ganze eine Fintech-Revolution. In einer Zeit, in der viele über das angeblich nahende Ende des Kapitalismus reden und über den Post-Kapitalismus, erfinden andere den Kapitalismus neu: als digital entfesselte Spekulations-Maschine.
Ob das nun wirklich so vorteilhaft ist? Soll so die Zukunft des Kapitalismus und der Gesellschaft aussehen? Der ZEIT-Autor scheint dieser Ansicht zu sein. 

Es fehlt nicht an mahnenden Stimmen, darunter die von Friedemann Brenneis, der seine Bedenken in Ethereum & Die DAO(TCOM)-Blase äußert. Weitere kritisch-differenzierte Beiträge:
Haben die Initiatoren von DAO den Heiligen Investment-Gral gefunden? Da sind Zweifel durchaus angebracht. Letztendlich handelt es sich um das Versprechen, möglichst schnell, möglichst reich zu werden und den Markt, u.a. mit Hilfe der kollektiven Intelligenz, dauerhaft zu schlagen, was bisher noch niemandem gelungen ist, auch den besten Spekulanten und Acceleratoren nicht. Sollte es nun, dank Blockchain, Ethereum und DAO anders sein?. Lässt sich der "menschliche" Faktor mittels Technologie, die ja selber wiederum Ausdruck einer bestimmten Ideologie ist, ausschalten? Wird, quasi durch die Hintertür, die Planwirtschaft rehabilitiert? Oder sollte F.A. von Hayek erneut Recht behalten, da DAO für eine Anmaßung von Wissen steht? Ist dieses Mal wirklich alles anders?

Kommentare:

  1. a)
    Zu: Da rät nicht nur die Finanzgeschichte zur Skepsis.

    Deshalb halte ich es für viel wichtiger, schnellstens zu Ethereum & DAO eine Projektgruppe aus Ökonomen, KI-Technikern, Ethikern (Philosophen) und Juristen zu bilden, statt die wöchentliche Task-Force-gegen-Rechts-Dröhnung aus dem mehr propagandistisch, als juristisch tätigem Justizministerium zuzulassen?

    Was meinen Sie?

    b)
    Haben Sie bereits geprüft, ob das E-Voting-System ein manipulationsfesterer alias betrugssicherer Ersatz für den aktuellen Bundes- und Landtagswahlprozess der BRD werden könnte?

    c)
    Ich empfehle das vermutlich nicht nur mich hier irritierende Wort Ideologie zu meiden und die neutraleren Worte Weltanschauung oder Ansicht zu bevorzugen, da Ideologie zwar zunehmend, aber nicht klar negativ als zu geschlossene, einengende Denkfixierung konnotiert ist.

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  2. Vielen Dank für den Kommentar.

    a) Das ist eine berechtigte Forderung, die im Zusammenhang mit Algorithmen von verschiedenen Seiten erhoben wird, wie u.a. von Yvonne Hofstetter, die eine Treuhandstelle für Algorithmen fordert. http://www.zeit.de/kultur/2014-09/yvonne-hofstetter-kuenstliche-intelligenz
    Früher fielen Fragen wie diese unter die Zuständigkeit der Technologiefolgenabschätzung. https://de.wikipedia.org/wiki/Technikfolgenabsch%C3%A4tzung
    Welche Folgen kann die Verbreitung von DAOs für den Finanzmarkt haben? Welche Extremszenarien sind denkbar? Was kann man jetzt schon dagegen unternehmen, ohne die technologische Entwicklung im Bereich Blockchain/Ethereum abzuwürgen?

    b) Dazu habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, halte es aber nicht für ausgeschlossen.

    c) Über die Begriffswahl kann man streiten. Ob jetzt Weltanschauung tatsächlich neutraler ist als Ideologie? Mag sein. Ausschlaggebend sind für mich u.a. die Beiträge Bitcoin, Magical Thinking, and Political Ideology https://al3x.net/2013/12/18/bitcoin.html und The Bitcoin Ideology http://www.nytimes.com/2013/12/15/sunday-review/the-bitcoin-ideology.html Zu einem verengten Denken würde die Verwendung des Begriffs Ideologie m.E. erst dann führen, wenn man selber nun rein ideologisch argumentiert. Wohl niemand von uns ist frei von ideologischen oder weltanschaulichen Einflüssen bzw. Fixierungen. Insofern sollten wir uns offen, gleichwohl kritisch-differenziert mit dem Phänomen DAO auseinandersetzen. Allerdings halte ich das Modell eines Kapitalismus als digital entfesselter Spekulationsmachine für nicht sonderlich erstrebenswert und auch für ideologisch motiviert.

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