Donnerstag, 12. Mai 2016

Stehen die Ereignisse um LendingClub für eine Zeitenwende im Bereich Fintech?

Von Ralf Keuper

Die Entlassung des Chefs und Gründers von LendingClub, Renaud Laplanche, ist für einige Beobachter ein Zeichen dafür, dass die Fintech-Startups endgültig in der Realität angekommen sind. Beispielhaft dafür sind Lending Club: Chef tritt ab - Die gefallenen Fintech-Stars und Square und Lending Club: 2 Vorzeige-Fintechs eingeholt von der Realität.

Eine optimistischere Sicht vertritt Tom Grant in Marketplace Lending: Bruised, Not Buried. Die Vorwürfe bzw. Verfehlungen, worüber das manager magazin berichtet, sind schon gravierend. Dabei geht es nicht nur um Interessenkonflikte:
Schwerer jedoch wiegt, dass Lending Club der Investmentbank Jefferies auch Kreditrisiken verkaufte, die diese gar nicht haben wollte - und dazu noch die Daten manipulierte. Der Vorfall blieb zwar ohne Schaden für den Kunden, doch "berührt den Kern des Geschäftsmodells", schreibt das "Financial-Times"-Blog "Alphaville". Denn das datenbasierte, digitale Banking sollte doch höhere Verlässlichkeit versprechen.
Der Fall von Leplanche ist auch deshalb für die Fintech-Szene so brisant, da er über Jahre als Galionsfigur galt. Immer, wenn die Rede von den Disruptoren im Banking war, dann wurde das Beispiel LendingClub gebracht. Auf diesem Blog waren LendingClub sowie die P2P-Kreditmarktplätze häufiger ein Thema, wie in:
Angetan war und bin ich noch immer von den Arbeitsbedingungen bei LendingClub. Jedenfalls fand ich den Filmbeitrag Lending Club’s Hole-In-One San Francisco HQ sehenswert und inspirierend. 

Das eigentliche Problem der Marketplace-Lender beschrieb Jonathan Ford in Online lenders stuck on a hamster wheel (September 2015) u.a. am Beispiel von LendingClub: 
Take Lending Club, for instance. In the second quarter, it had revenues of $96m, of which $86m came from transaction fees. Strip those out and you would have almost nothing to pay the company’s $100m in expenses. Were it to slow or stop lending, the losses would quickly pile up.
Es handelt sich also in seinem Kern, oh Wunder!, um ein betriebswirtschaftliches Problem bzw. Phänomen, das sich auch mit no so viel PR nicht aus der Welt schaffen lässt, oder wie Dirk Elsner treffend formuliert:
Allerdings überlistet auch ein eloquenter Auftritt auf Dauer nicht die betriebswirtschaftliche Gravitation.
So ist es wohl.

Folgt daraus nun, dass die Fintech-Startups vor einer Zeitenwende stehen, die Revolution ihre Kinder frisst? Das wäre voreilig. Es ist ein in der Wirtschaftsgeschichte häufig wiederkehrendes Phänomen, eigentlich eine Konstante, dass jede Gründerwelle ihren Zenit überschreitet und die ersten gefallenen Helden die Bühne verlassen. Damit ist keineswegs gesagt, dass ihr Wirken vergeblich war. Selbst einer der größten Innovatoren der Geschichte, Johannes Gutenberg, machte Konkurs, ebenso übrigens Gottlieb Daimler und Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg. Kaum jemand wird Johannes Gutenberg absprechen, die Welt verändert zu haben. Sicher - so wie Gutenbergs Buchdruck wird das Marketplace Lending die Welt nicht verändern - es sollte mich jedenfalls sehr wundern. Persönlich halte ich das aktuelle Geschäftsmodell für langfristig kaum tragfähig; einer der Gründe, warum ich Fintech in seiner jetzigen Ausprägung insgesamt für einen Übergangsstil, ein Übergangsstadium halte - allerdings für ein notwendiges. 

Für Schadenfreude ist daher kein Platz. Es braucht Pioniere, ganz gleich, ob sie damit langfristig Erfolg hatten oder nicht. 

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