Freitag, 20. Mai 2016

Stilwandel im Banking: Die kommende Kritische Rekonstruktion der Bank - die Modernität des Dauerhaften

Von Ralf Keuper

Keine Frage: Im Banking wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben - und doch: Hinter all dem Wandel bleiben die Konturen dessen bestehen, was seit einigen Generationen, eigentlich noch länger, mit einer "Bank" assoziiert wird. Da dieser Blog den Stilwandel im Banking beleuchtet, ist es nahe liegend, einige Anleihen in der Vergangenheit und bei anderen Disziplinen zu machen. 

Der Begriff der Kritischen Rekonstruktion stammt aus der Architekturtheorie; ihr Urheber ist der Architekt Paul Kleihus. Für Kleihus war der "vollständige Bruch mit der historischen Altstadtstruktur" nach dem Krieg eine "Fehlentwicklung und erheblicher Störfaktor". Neuerdings folgen immer mehr Städte dem Diktum von Kleihus, wie Lübeck und Frankfurt am Main.

Früher noch als in Lübeck und Frankfurt, folgte man in Münster nach dem 2. Weltkrieg den Prinzipien der Kritischen Rekonstruktion, ohne dass der Begriff damals schon bekannt war. Der Philosoph Hermann Lübbe fand für diese im Nachhinein wegweisende und richtige Entscheidung lobende Worte:
Hier gab es noch einen unbeschädigten Bürgersinn ... Münster hat gezeigt, wie man's machen muss. Die münstersche Ablehnung modernistischer Tabula-rasa Architektur zu Gunsten eines historisierenden Aufbaus zeigt aber keine Rückwärtsgewandtheit und Zukunftsscheu. In Münster spiegelte sich die Erfahrung von Kontinuität. Und Bedeutung sowie Interesse an diesen dauerhaft wirkenden Herkunftsbeständen nimmt in einer Zeit sich rasant verändernder Lebenswelten zu, so dass die auch dem Erstbesucher dieser Stadt auffällige Herkunftstreue Münsters die Verheißung hat, ein Indiz von besonderer Zukunftsfähigkeit zu sein. (in: Münster. Wiederaufbau und Wandel. Mit 500 Abbildungen, von Bernd Haunfelder)
In seinen Essay Die Modernität des Dauerhaften schreibt Vittorio Lampugnani:
Das Neuartige als eigenständiger Wert ist eine Erfindung der Romantik. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lauteten die Kriterien, an denen eine schöpferische Arbeit gemessen wurde, Harmonie, Vollendung, Ausgewogenheit und Perfektion. Mit dem Aufkommen der Romantik verändert sich die Lage von Grund auf: Plötzlich heißen die Beurteilungskategorien Dissonanz, Nichtvollendung, Überraschung. Und vor allem: Neuartigkeit.
Gute Architektur zeichnet sich durch ein ausgewogenes Maß an Neuem und Bewährtem aus. Übertragen auf das Banking bedeutet das: Was ist zu bewahren, was muss über Bord geworfen werden? Ergibt es noch Sinn, an Filialen festzuhalten, hat sich Regionalprinzip überholt, ist die Universalbank noch zeitgemäß?

Sicher: Den meisten Fintech-Startups fehlt (noch) ein "nachhaltiges" Geschäftsmodell. Trotzdem sind hier keine Ideal-Romantiker am Werk, sondern - jedenfalls in der Mehrzahl - Unternehmen, die ein Defizit erkannt und eine Lösung dafür kreiert haben. Sie decken schonungslos die Schwächen des alten Banking auf. Sie bauen keine Kathedralen, sondern ähneln eher einer Zeltmission. Und doch sind sie ein wesentlicher Baustein, der bei der kommenden Kritischen Rekonstruktion der Bank berücksichtigt werden muss, werden wird.  

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