Freitag, 17. Juni 2016

Mit der Blockchain zum Ameisenstaat ?

Von Ralf Keuper

Viele Protagonisten der Blockchain hegen die Hoffnung, dass sich mit dezentralen Datenbanken und Smart Contracts eine neue Gesellschaftsform schaffen lässt. Es fällt auf, dass dabei immer häufiger auf Metaphern aus der Biologie zurückgegriffen wird, wie aktuell im Blockchain-Manifest, das im GDI Impuls erschienen ist. 

In der Pressemitteilung heisst es u.a.:
Die italienische Blockchain-Forscherin Primavera De Filippi gibt im Interview eine Vorstellung, wie eine Welt ohne zentrale Institutionen aussehen könnte. Die «Chef-Alchimistin» des israelischen Start-ups Backfeed orientiert sich dafür am biologischen Ordnungsprinzip der «Stigmergie»: «Das Prinzip wird deutlich, wenn wir Termitenbauten beobachten. Diese Tiere errichten ihre Bauten ohne hierarchische oder zentrale Behörde.» Dabei will sie natürlich aus Menschen keine Termiten machen, sondern sich «von der Organisationsstruktur der Termiten inspirieren [...] lassen.» Die Menschen würden ihren freien Willen und ihre individuelle Komplexität behalten.
Das Beispiel der Ameisen wird von den Vertretern der kollektiven Intelligenz gerne als Paradebeispiel gelungener Selbstorganisation zitiert. Zwar betont die in der Meldung erwähnte Forscherin, aus Menschen keine Termiten ohne freien Willen und Individualität machen zu wollen; jedoch, wer den Termitenstaat zum Vorbild nimmt, als Analogie wählt, muss sich über die Konsequenzen im Klaren sein. Wenn demnächst tatsächlich Algorithmen, Smart Contracts die wesentlichen Entscheidungen treffen, dann bleibt nicht mehr allzu viel Raum für freie Entscheidungen oder die Entfaltung der Persönlichkeit. Die Menschen müssten sich einfügen, ob sie wollen oder nicht. Die Macht ist nicht verschwunden, sie ist nur woanders. Institutionen haben wenigstens noch den Vorteil, sicht- und kritisierbar zu sein. Insofern könnte der amerikanische Philosoph Michael Sandel mit seiner Aussage in einem aktuellen Interview richtig liegen, dass die Digitalisierung die Demokratie bedroht. 

Wir haben es mit dem paradoxen Phänomen zu tun, dass mehr Dezentralisierung zu mehr Gleichförmigkeit führt; in gewisser Weise, das, was Max Weber mit der zunehmenden Rationalisierung der Lebensbereiche meinte, die zu einer "Entzauberung der Welt" führt.  Die Menschen müssten sich damit abfinden, in einem stahlharten Gehäuse zu leben. Für Weber war die Protestantische Ethik ein wesentlicher Treiber des modernen Kapitalismus. Es scheint so, als würden die Blockchain und der Biologismus an ihre Stelle treten. 

In der GDI-Impuls-Ausgabe kommen aber auch, wie aus der Zusammenfassung hervorgeht, andere Stimmen zu Wort, wie Frances Coppola, die mit den Worten wiedergegeben wird:
Blockchain-gestützte Smart Contracts stossen schnell an ihre Grenzen, wenn sie es mit der komplexen Lebenswirklichkeit zu tun bekommen, die Verträge zwischen Menschen auszeichnen.  
Die Lebenswirklichkeit eines Termitenstaats wird sich - hoffentlich - auch künftig deutlich von der von Menschen geschaffenen Gesellschaften unterscheiden.  

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um Kulturpessimismus angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, welche der Einsatz der Blockchain bietet. Wir stehen hier erst am Anfang. Allerdings sollte das nötige Augenmaß dabei nicht verloren gehen. 

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