Mittwoch, 22. Juni 2016

Retail Banking Kompass 2016 (Studie)

Von Ralf Keuper 

Das Retail Banking steht von vielen Seiten unter Druck. Neben dem Dauerbrenner Digitalisierung zählt dazu auch die Niedrigzinspolitik der EZB. Das Geschäft der Sparkassen, Volksbanken sowie der Deutschen Bank und der Commerzbank war schon mal einfacher; das (gesamt-)wirtschaftliche Umfeld freundlicher. Das hinterlässt seine Spuren in den Strategien und Bilanzen der Institute. Je nachdem, wie gut die Strategie an das Wettbewerbsumfeld angepasst ist, um so besser sehen die Finanz- und die anderen relevanten Kennzahlen aus. 

In ihrem Retail Banking Kompass 2016 zeigt das Moonroc Institute of Economic Research, vertreten durch die Autoren Dr. Thorsten Stuska, Martin Richter und Kai Ritter, den aktuellen Zustand im Retail Banking in Deutschland. Untersucht wurden die großen Bankengruppen und Institute in Deutschland. Die Autoren geben zunächst einen Überblick über die wirtschaftliche Gesamtsituation sowie über die aktuellen Herausforderungen im Retail Banking, bevor sie sich den Banken selbst zuwenden. 

Bei der Analyse orientieren sich die Autoren u.a. an vier Fragen:
  • Bietet die Dienstleistung der Banken dem Kunden in der ZIEM (Zero Interest, Eased Money)-Welt wirklich einen Mehrwert?
  • Wie hoch ist die Zahlungsbereitschaft für diesen Mehrwert?
  • Wie wollen die Kunden mit der Bank interagieren?
  • Welche Rolle gestehen die Kunden der Bank in ihrem Leben zu?
Die einzelnen Institute/Bankengruppen werden entlang der Kategorien Allgemein, Digitalisierung, Finanzkennzahlen und Ausblick bewertet. 

Allen Unterschieden in der Strategie und den Kennzahlen zum Trotz, teilen die Institute einige wesentliche Merkmale. Fast alle leiden unter komplexen IT-Landschaften und Prozessen, die ein rasches Reagieren auf die zunehmende Digitalisierung deutlich erschweren. Besonders sichtbar wird das an der Deutschen Bank und den Sparkassen. Die Banken und Sparkassen befinden sich in einer Komplexitäts- und Strategiefalle. 

Cost Income Ratio (CIR)

Was die Produktivität, gemessen an der CIR, betrifft, nehmen die ING-DiBa und die DKB eine Sonderstellung ein. Alle anderen Banken bewegen sich deutlich darüber. Bei den Genossenschaftsbanken sind die Sparda und die PSD-Banken (0,59) diejenigen mit den besten CIR-Werten. 

Finanzkennzahlen 

Wegen der unterschiedlichen Geschäfts- und Bilanzpolitik sowie der Größe der Institute sind die Finanzkennzahlen nur bedingt aussagekräftig. Die Zinseinnahmen halten nur selten mit der Entwicklung im Provisionsgeschäft Schritt, was bei dem aktuellen Zinsumfeld nicht allzu sehr überrascht. Besonders profitabel sind die Postbank und die ING DiBa. 

Strategien

Bei fast allen untersuchten Banken vermissen die Autoren eine klare Strategie, die in der Lage ist, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Es bleibt in der Regel bei Versuchen, die Filialwelt in das Internet zu übertragen. Weder will man allein an den Filialen festhalten, noch ist man bereit, sich zur reinen Digital Bank zu wandeln. Der Befund gilt vor allem für die Sparkassen. Selbst die größte Sparkasse des Landes, die Hamburgische Sparkasse (Haspa), verfolgt einen ausgesprochen konservativen Ansatz, was die Digitalisierung betrifft. So ist die Haspa das einzige der untersuchten Finanzinstitute, das keine Videolegitimation bei der Kontoeröffnung anbietet. 

Fintech-Startups

Zu der Bedeutung der Fintech-Startups haben die Autoren eine klare Position. Eine Fintech-Revolution sei ausgeblieben und auch nicht mehr zu erwarten. Die Newcomer würden früher oder später unter denselben Restriktionen leiden, wie die alteingesessenen Institute. Das gelte vor allem dann, wenn das Fintech-Startup eine Vollbanklizenz anstrebt. Daraus folgt freilich nicht, dass die Fintech-Startups lediglich eine Laune seien, weshalb die Autoren Kooperationen der Banken mit Fintech-Startups positiv gegenüber stehen. 

Paydirekt 

Eher verhalten schätzen die Autoren die Erfolgschancen von Paydirekt, dem Online-Bezahlverfahren des Deutschen Kreditgewerbes, ein. Zu denken gebe u.a., dass die DKB Bank, als Tochter der Bayerischen Landesbank, sich nicht an dem Verfahren beteiligt hat. 

Resümee 

Die Autoren kritisieren die Fixierung der Banken auf die Kostenseite. Zwar sei es nötig, die Kosten in den Griff zu bekommen, dabei dürfe jedoch nicht der Blick dafür verloren gehen, wie sich die Banken vom Wettbewerb abheben können. Es sei dringend geboten, die Geschäftsmodelle zu überdenken und sich den neuen Herausforderungen, wie sie durch die zunehmende Digitalisierung und das Zinsumfeld zum Vorschein kommen, zu stellen. Dabei handelt es sich nicht allein darum, die Fintech-Startups in ihre Schranken zu verweisen, das ist eine, nach Ansicht der Autoren, relativ leichte Übung. Es müssen neue Ertragsquellen her, welche die Abhängigkeit von dem Zinsüberschuss, als der nach wie vor tragenden Säule, verringert. Die Zeit der Universalbank, die alles aus einer Hand anbietet, neigt sich dem Ende entgegen. Diese Komplexität können die Banken nicht mehr abbilden, ohne dabei Verluste einzufahren bzw. sich mit hohen Fixkosten und Ineffizienzen auseinandersetzen zu müssen. 

Bewertung 

Die Studie ragt für mich unter denen, die man zu lesen und zu sehen bekommt, weit heraus. Die Autoren legen den Finger in die Wunde, was sie an mehreren Beispielen und Kennzahlen belegen. Auch mit Kritik halten sich die Autoren nicht zurück. An mehreren Stellen warnen sie vor Selbstgefälligkeit, ohne dass sie dabei alarmistische Töne von sich geben. 

Bei allem Lob, stellt sich für mich die Frage, ob die Bewertung der verschiedenen Banken und Institutsgruppen an Kennzahlen (CIR, Finanzkennzahlen) ausreicht, um die aktuelle Situation und die bevorstehenden Herausforderungen noch ausreichend abbilden zu können. Der Bezugsrahmen hat sich m.E. gewandelt. Als neue Mitbewerber müssen in Zukunft die digitalen Plattformen bzw. digitalen Ökosysteme, wie Apple, Google, PayPal, Samsung und Alibaba, mit berücksichtigt werden. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Banken untereinander vergleichen und daraus ablesen konnten, an welcher Stelle sie sich im Wettbewerb befinden. Die Branchenstruktur hat sich geändert, die Strategischen Wendepunkte (Andy Grove) werden gerade passiert. Wie das Beispiel von Ant Financial und seiner Alipay Lifestyle Super App zeigt, belassen es die neuen Herausforderer nicht mehr allein mit Mobile Payments. Ein Trend, der sich m.E. noch verstärken wird. 

Die Kritikpunkte ändern jedoch nichts daran, dass die Studie einen sehr guten Einblick in den aktuellen Retail-Banking  - Markt in Deutschland vermittelt und dabei eine differenzierte Sichtweise an den Tag legt, die man sich von anderen Studien wünschen würde. 

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